Atomkraft ist böse, außer sie kommt von den Nachbarn – Europas verlogene Energie-Ideologie
Dieser Artikel ist kein Plädoyer für Atomkraft und ebenso wenig eine Abrechnung mit erneuerbaren Energien, es ist auch kein Manifest für eine bestimmte Technologie, keine energiepolitische Kampfansage und kein Versuch, dem Leser eine fertige Lösung aufzudrängen. Wer das hier liest, soll nicht überzeugt werden, sondern zum Denken gezwungen sein.
Ich betrachte die Energiepolitik der Europäischen Union und Deutschlands mit kritischer Distanz, nicht aus ideologischer Ablehnung, sondern aus dem Anspruch heraus, dass Argumente zusammenpassen müssen, wenn sie ernst genommen werden wollen. Risiken, die man benennt, dürfen nicht je nach Landesgrenze relativiert werden, Gefahren, die man moralisch verurteilt, verlieren ihre Bedeutung nicht dadurch, dass sie ausgelagert werden. Gesundheitsschutz ist kein glaubwürdiges Motiv, wenn er selektiv angewendet wird.
Meine persönliche Meinung zu den Energielösungen der Zukunft ist für die Bewertung dieses Artikels letztlich irrelevant, sie soll es auch bleiben. Dieser Artikel verlangt nicht Zustimmung, sondern Konsistenz. Er stellt keine Technologie an den Pranger, sondern die Widersprüche im politischen Umgang mit ihr. Wer ihn liest, darf ihm widersprechen, ihn ablehnen oder ihm zustimmen, aber bitte aus inhaltlichen Gründen und nicht aus Reflex.
Dass ich selbst eine grundsätzlich andere Strategie für eine sichere, stabile und unabhängige Energiezukunft verfolgen würde, ist kein Geheimnis, doch darum geht es hier nicht. Es geht um Logik, um Verantwortung und um die Frage, ob politische Entscheidungen noch nach denselben Maßstäben bewertet werden, mit denen sie öffentlich begründet werden.
Dieses Vorwort ist keine Entschuldigung für die Schärfe des Inhaltes, der folgt. Es ist lediglich die Klarstellung, dass Wut und Kritik nicht aus Ideologie entstehen müssen, sondern aus der Weigerung, offensichtliche Widersprüche als Normalzustand zu akzeptieren.
Ich halte das alles kaum noch aus, diese verlogene, selbstgerechte, moralisch aufgeblasene Ideologie, die uns seit Jahren als Vernunft verkauft wird und bei genauerem Hinsehen nichts weiter ist als feige Doppelmoral mit EU-Siegel. Man erzählt mir täglich, wovor ich mich zu fürchten habe, vor Dampf aus einer E-Zigarette, vor Holzkohle auf dem Grill, vor Zucker, Fett, Salz, Fleisch, Hitze, Kälte, Leben. Überall Warnungen, Verbote, Kampagnen, alles angeblich zum Schutz meiner Gesundheit, meiner Sicherheit, meines Wohls. Der Bürger als zerbrechliches Wesen, das ohne staatliche Anleitung vermutlich schon an einem Würstchen ersticken würde.
Und dann kommt Atomkraft.
Plötzlich ist diese Sorge wie weggeblasen. Dieselben Institutionen, die mir erklären wollen, dass Grillrauch krebserregend ist, haben keinerlei moralische Probleme damit, Strom aus Atomkraftwerken zu beziehen, die wenige hundert Kilometer von meiner Haustür entfernt stehen. Dieselbe EU, die mit ernster Miene Studien über das Dampfen zitiert, akzeptiert ganz selbstverständlich eine Technologie, deren schlimmster denkbarer Unfall nicht ein Hustenreiz ist, sondern unbewohnbare Landstriche, verseuchte Böden, verstrahlte Nahrungsketten und Generationen von Folgeschäden.
Deutschland stieg aus, aus Gründen der Sicherheit, der Ethik, der Verantwortung, so lautet zumindest das Narrativ. Endlager ungelöst, Restrisiko nicht vertretbar, Unfälle mit grenzüberschreitenden Folgen. Alles nachvollziehbar, alles schwerwiegend, alles richtig und genau deshalb wird es im nächsten Moment zur Farce. Denn während hier Reaktoren zurückgebaut werden, fließt der Atomstrom aus Frankreich, Tschechien und bald Polen völlig schamlos weiter in unsere Netze, sauber, leise, bequem. Die Risiken verschwinden angeblich, weil sie jenseits einer Landesgrenze stattfinden.
Als hätte Radioaktivität Nationalstolz.
Als würde eine Strahlenwolke am Grenzübergang anhalten.
Als wäre Tschernobyl ein lokales Ereignis gewesen und kein europäischer Albtraum.
Diese Politik beleidigt nicht nur den Verstand, sie verhöhnt ihn. Entweder Atomkraft ist so gefährlich, dass man sie ernsthaft ablehnen muss, dann gilt das überall, auch beim Stromimport, oder sie ist beherrschbar genug, um sie zu nutzen. Dann war der deutsche Ausstieg nichts weiter als teure Symbolpolitik, beides gleichzeitig zu behaupten ist kein Zeichen von Komplexität, sondern von Feigheit. Man will moralisch sauber wirken, ohne die Konsequenzen zu tragen. Risiko ja, aber bitte bei den Nachbarn. Gewissen rein, Verantwortung ausgelagert.
Und dann wird mir erklärt, das sei kompliziert. Nein, ist es nicht, es ist simpel. Man misst mit zweierlei Maß, weil es politisch bequem ist. Man schützt den Bürger nur dort, wo es ins eigene Narrativ passt. Beim Dampfen wird er bevormundet, bei Atomstrom wird er ignoriert. Seine Gesundheit ist wichtig, solange sie sich regulieren, besteuern oder symbolisch ausschlachten lässt. Sobald echte Konsequenzen drohen, wird sie zur Verhandlungsmasse.
Diese Ideologie hat nichts mit Aufklärung zu tun, sie ist ein Theaterstück, ein moralisches Schauspiel für Pressekonferenzen, während im Hintergrund exakt das Gegenteil passiert. Wer das kritisiert, gilt als Störenfried, wer es hinnimmt, als vernünftig. In Wahrheit ist es genau umgekehrt, vernünftig wäre es, diese Widersprüche offen zu benennen. Ehrlich wäre es, zuzugeben, dass man Atomkraft entweder akzeptiert oder ablehnt, aber nicht je nach Postleitzahl neu bewertet.
Ich frage mich nicht mehr, ob ich zu dumm bin, das alles zu verstehen, diese Frage habe ich hinter mir gelassen. Ich frage mich vielmehr, wie viel intellektuelle Verrenkung nötig ist, um diesen Unsinn noch zu verteidigen. Wie abgestumpft man sein muss, um bei Grillrauch hysterisch zu werden und bei Reaktoren in Grenznähe die Schultern zu zucken. Wie wenig Respekt man vor den eigenen Bürgern haben kann, um ihnen diese Logik ernsthaft zu verkaufen.
Das ist keine verantwortungsvolle Politik, das ist Heuchelei erster Güte und wer das nicht mehr schluckt, ist kein Extremist, kein Vereinfacher, kein Querulant. Er ist einfach jemand, der noch bereit ist, zu Ende zu denken und genau davor haben diese Systeme offenbar die größte Angst.
