Hinweis: Die in diesem Artikel verwendeten Bilder wurden mit KI erstellt bzw. KI-gestützt erzeugt.
Deutsche Revolution

Deutschlands lauteste Revolution – Sie starb auf dem Weg vom Sofa zur Haustür

Gestern Abend saß ich hier in Bulgarien mit einem Kaffee vor dem Bildschirm und wartete auf das, was mir seit Wochen als die politische Großoffensive des deutschen Volkes angekündigt wurde.
Man konnte sich dem Hype kaum entziehen, überall war vom Erwachen der Massen die Rede. Millionen Menschen hätten genug, das System wackle, die Regierung zittere und Berlin werde beben. Die Stunde des Volkes habe geschlagen.
Ich begann schon zu glauben, man müsse vorsorglich den Flughafen schließen, zusätzliche Polizeikräfte aus Europa anfordern und die Hauptstadt auf den Ausnahmezustand vorbereiten.
Dann kamen die Bilder.
Ich habe fast meinen Kaffee über die Tastatur gespuckt.
Leute, in der Fußgängerzone von Burgas ist an einem gewöhnlichen Dienstagvormittag zwischen einem Schuhladen, einem Handyshop und einem Dönerstand mehr los. Ich habe schon längere Schlangen vor öffentlichen Toiletten gesehen. Selbst der Wühltisch eines Discounters kurz vor Weihnachten erzeugt teilweise mehr Dynamik.
Wochenlang wurde im Internet der Eindruck vermittelt als stünde Deutschland unmittelbar vor einer historischen Volkserhebung. In den Kommentarspalten marschierte bereits die halbe Republik, dort wurde die Regierung täglich gestürzt. Dort wurde das System vor dem Frühstück dreimal abgeschafft und nach dem Mittagessen vorsorglich noch einmal.
Dann kam der Moment der Wahrheit und plötzlich stellte sich heraus, dass viele Revolutionen offenbar an einer unüberwindbaren Hürde scheitern.
Dem Verlassen der eigenen Couch.
Das deutsche Volk hat möglicherweise etwas geschafft, was noch keiner Generation vor ihm gelungen ist. Die erste Revolution der Weltgeschichte die vollständig aus Likes, Emojis und Kommentaren besteht.
Früher stürmten Menschen Bastillen.
Heute stürmen sie die Kommentarfunktion.
Früher gingen Revolutionäre auf die Barrikaden.
Heute schreiben sie „Sehe ich genauso 👍“.
Die wahre Massenbewegung fand vermutlich zwischen Sofakissen, Kühlschrank und WLAN-Router statt.
Besonders faszinierend war die Fallhöhe. Wer sein Projekt praktisch schon im Namen zur Massenbewegung erklärt und wochenlang vom großen Erwachen spricht sollte hinterher vielleicht nicht erklären müssen, warum die Luftaufnahmen aussehen wie die Ankunft eines mittelgroßen Reisebusses.
Man stelle sich die Gesichter der Organisatoren vor. Wochenlang wird von Aufbruch, Wendepunkt und historischer Stunde gesprochen, die Erwartungshaltung steigt bis in die Stratosphäre. Man rechnet innerlich vermutlich schon mit Fernsehbildern für die Geschichtsbücher.
Dann schaut man von der Bühne ins Publikum und erkennt, dass man vorsorglich vielleicht doch keine zusätzlichen Parkplätze hätte beantragen müssen.
Als ich die Bilder sah, musste ich unwillkürlich an Fast-Food-Werbung denken.
Auf dem Plakat sieht der Burger aus wie ein Denkmal menschlicher Schaffenskraft. Zwanzig Zentimeter hoch, perfekt und majestätisch.
Ausgepackt liegt dann ein trauriger Fladen in der Schachtel.
Genau dieses Gefühl hatte ich bei dieser Demonstration.
Die Ankündigung war „Herr der Ringe“.
Die Realität war die Weihnachtsfeier eines mittelständischen Dachdeckerbetriebs.
Das Internet hatte mir den Untergang des Systems versprochen.
Geliefert wurde ein verkehrstechnisch unauffälliger Spaziergang.
Irgendwo in Berlin saßen wahrscheinlich Regierungsmitarbeiter vor ihren Monitoren und fragten sich, ob das jetzt bereits die historische Demonstration war oder ob die Teilnehmer noch einen Parkplatz suchen.
Die eigentliche Sensation war dabei nicht die Teilnehmerzahl. Die eigentliche Sensation war der gigantische Abstand zwischen Selbstbild und Wirklichkeit.
Das erinnerte ein wenig an jemanden, der wochenlang ankündigt einen feuerspeienden Drachen zu erlegen und am Ende mit einem leicht gereizten Wellensittich zurückkommt.
Währenddessen dürfte in den Ministerien ungefähr die gleiche Panik geherrscht haben wie bei einem Beamten, dessen Druckerpapier zur Neige geht.
Also gar keine.
Von Bulgarien aus betrachtet wirkte das Ganze wie der Trailer zu einem Hollywood-Blockbuster, bei dem dann versehentlich nur die Generalprobe aufgeführt wurde.
Nach all den Ankündigungen über das große Erwachen, die historische Wende und den bevorstehenden Volksaufstand blieb am Ende vor allem eine Erkenntnis:
Die Revolution wurde nicht niedergeschlagen, sie hat einfach verschlafen.
Während sich die einen nun über Teilnehmerzahlen streiten und die anderen nach Erklärungen suchen sitze ich hier in Burgas, schaue auf die Bilder und denke mir:
Wenn das wirklich die größte Bedrohung für das politische Establishment gewesen sein soll, dann dürfte die Berliner Fußgängerampel an einem Freitagnachmittag derzeit als deutlich größere Herausforderung gelten.

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