Die neue Unfreiheit – Wie Moralwächter, Ideologen und Besserwisser das freie Leben ersticken
Früher war Freiheit einmal etwas Herrliches. Man lebte wie man wollte, machte Fehler, hatte Laster, genoss Dinge die anderen nicht passten, sagte offen was man dachte und musste nicht bei jedem Atemzug prüfen, ob irgendein überzüchtetes Moralwürstchen, irgendein Funktionär mit Erziehungsfetisch oder irgendein digitaler Sittenwart gleich wieder Schnappatmung bekommt. Heute dagegen lebt man in einer Gesellschaft die sich für wahnsinnig aufgeklärt hält, während sie den erwachsenen Menschen behandelt wie ein debiles Kleinkind mit Kreditkarte, Grillzange und Internetzugang. Überall dieselbe Botschaft, das darfst du nicht, das sollst du nicht, ist schädlich, problematisch, toxisch, nicht gesund, nicht verantwortungsvoll und nicht zeitgemäß. Mit anderen Worten, du sollst gefälligst so leben, wie es die neue Priesterklasse aus Aktivisten, Gesundheitsbürokraten, Gesinnungswächtern und hysterischen Bedenkenträgern für richtig hält.
Rauchen, Alkohol, Zucker, Grillen, Autofahren, falsche Worte, falsche Witze, falsche Meinungen sind böse und wenn es nach diesem Milieu geht, ist am Ende schon der bloße Wunsch in Ruhe gelassen zu werden ein verdächtiges Zeichen mangelnder sozialer Reife. Das ist ja das eigentlich Absurde an diesem ganzen Irrenhaus. Man darf angeblich alles sein, alles fühlen, alles darstellen, alles ausleben, alles öffentlich ins Schaufenster stellen, ganz egal wie grotesk, wie peinlich, wie durchgeknallt oder wie weltfremd es ist. Aber wehe du sagst, dass dir das zu blöd wird, wehe du erklärst öffentlich, dass du gewisse Dinge nicht akzeptierst, nicht ernst nimmst oder schlicht nicht mitmachen willst. Dann bist du auf einmal nicht einfach nur ein Mensch mit Rückgrat und eigener Meinung, sondern gleich Hetzer, Hasser, Menschenfeind, toxisch, rechts, gefährlich, empathielos, rückständig, problematisch, radikal, übergriffig oder sonst ein frisch erfundenes Etikett aus der Jauchegrube des moralischen Größenwahns.
Genau darin liegt der Kern dieses Zeitalters. Es geht längst nicht mehr nur um Gesetze, Verbote oder Abgaben, es geht um die totale Umerziehung des Alltags. Der Mensch soll nicht mehr frei leben, sondern sich korrekt verhalten. Er soll nicht mehr selbst abwägen, sondern die erwünschten Reflexe haben. Er soll nicht mehr sagen was er denkt, sondern nur noch das, was durch die Filter der neuen Empfindlichkeitsindustrie hindurchgeht. Er soll nicht mehr genießen, sondern sich überwachen. Es reicht nicht mehr andere einfach in Ruhe zu lassen, nein man soll jeden Irrsinn auch noch respektvoll bestaunen, sprachlich absichern und moralisch aufwerten. Duldung genügt nicht mehr, gefordert wird Zustimmung. Akzeptanz reicht nicht, gefordert wird Begeisterung.
Genau deshalb ist diese ganze angeblich so bunte, vielfältige und offene Gesellschaft in Wahrheit so unerquicklich autoritär. Sie marschiert nicht im Gleichschritt, sie postet, sie brüllt nicht, sie labelt. Sie sperrt dich nicht immer direkt weg, sie macht dich erst einmal sozial untragbar. Sie lebt von Meldungen, Empörungswellen, digitalem Anprangern, Kontaktschuld und dem ständigen Gefühl, dass du bei jedem Satz aufpassen musst nicht an irgendeine neu erfundene Unsichtbarkeitsgrenze zu stoßen. Früher hatte man Zensoren, heute hat man Schwärme moralisch aufgepumpter Kleinkontrolleure die jeden Widerspruch wie einen Terrorakt behandeln, solange er sich gegen ihre geschützten Absurditäten richtet. Das ist keine freie Debatte mehr, das ist Gesinnungsdressur.
Wirklich zum Kotzen an diesem System ist seine Heuchelei. Es redet ununterbrochen von Vielfalt, aber gemeint ist Gleichschaltung. Alles soll man akzeptieren, alles soll man toll finden und wenn man irgendwann sagt, dass einem dieser ganze Wahnsinn reicht, dass man diesen permanenten ideologischen Übergriff satt hat, dass man keine Lust mehr hat sich von jedem halbgebildeten Moralautomaten erklären zu lassen wie man zu essen, zu trinken, zu reden und zu denken hat dann gilt nicht das System als krank, sondern der, der sich ihm verweigert.
Man ist diesem Irrsinn inzwischen fast ausgeliefert weil er überall hineinkriecht. In die Politik, in die Medien, in die sozialen Netzwerke, in die Sprache, in die Werbung, in Schulen, in Unternehmen, in den privaten Umgang. Es gibt kaum noch Räume in denen man einfach nur Mensch sein darf, mit Fehlern, Ecken, Lastern, Geschmack, Überdruss, Abneigung und dem verdammten Recht nicht jeden Schwachsinn zu feiern. Immer sitzt dir irgendeine Instanz im Nacken die dir erklärt, warum dein Verhalten nicht optimal, deine Haltung nicht sensibel genug und dein Ton nicht angepasst genug ist. Aus dem freien Bürger ist der betreute Insasse einer Dauererziehungsanstalt geworden, die sich selbst für den Gipfel menschlicher Zivilisation hält.
Genau das ist es was diese Zeit so verachtenswert macht. Das freie Leben soll nicht mehr verschwinden, es soll nur so lange weichgekocht werden bis es ungefährlich geworden ist. Bis niemand mehr aneckt, niemand mehr laut lacht, niemand mehr hart urteilt, niemand mehr offen ablehnt und niemand mehr den Mut hat zu sagen, dass diese ganze überzüchtete, hysterische, moralisierende Dauerbevormundung nichts Edles, nichts Fortschrittliches und nichts Menschliches hat, sondern einfach nur zutiefst widerlich ist.
