Spritpreise

2,269 Euro pro Liter und kein Rückgrat in Sicht – Deutschland zwischen Abzocke und Unterwerfung

Es ist immer wieder ein erstaunliches Schauspiel, wenn man aus Bulgarien auf Deutschland schaut. Da steht der deutsche Michel an der Zapfsäule, starrt fassungslos auf Preise jenseits von Gut und Böse, flucht ein bisschen, schimpft ein bisschen, motzt vielleicht noch über die Konzerne und fährt dann geschniegelt weiter, geschniegelt in seine gepflegte Ohnmacht, geschniegelt in seine perfekt eintrainierte Unterwürfigkeit. Genau das ist inzwischen fast schon bewundernswert. Nicht im positiven Sinn natürlich, sondern eher wie man ein besonders absurdes Kunstwerk bestaunt das nur deshalb existiert, weil zu viele es ernsthaft für normal halten.

Heute wieder das gleiche Theater. Radio Siegen regt sich über hohe Spritpreise auf, spricht von den Konzernen, erwähnt das Kartellamt und erklärt dem Publikum in dieser typischen weichgekochten Tonlage, dass man da leider nicht allzu viel machen könne. Ach so, na dann ist ja alles gut, dann können ja alle wieder beruhigt schlafen gehen. Wenn das Kartellamt mit den Schultern zuckt und das Radio bedeutungsvoll in die Runde seufzt, dann wird aus nackter Abzocke offenbar eine Art Naturereignis, gegen das der brave Bürger eben tapfer anzutanken hat. Wunderbar, fast rührend wie man in Deutschland selbst die eigene Ausplünderung noch in behördlich verträgliche Formulierungen verpackt.

Was natürlich wieder nicht klar gesagt wird ist das Entscheidende. Nicht nur die Konzerne kassieren, der Staat kassiert mit und zwar ordentlich. Aber genau da wird es plötzlich still, vorsichtig, geschniegelt und verdächtig zahm. Da fängt das große mediale Eiern an. Da wird herumgeredet, weichgespült, relativiert und möglichst so formuliert, dass ja kein falscher Eindruck entsteht. Der Bürger soll sich aufregen, aber bitte nur über die Hälfte des Problems. Er soll sich empören, aber bitte auf die ungefährliche Weise. Er soll sich ärgern, aber nicht anfangen die ganze Konstruktion zu hinterfragen. Genau so hält man ein Volk klein, mit Halbwahrheiten, mit Dauerberieselung und mit dieser ekelhaften Mischung aus Ablenkung und betreutem Frust.

Dabei muss man kein Wirtschaftswissenschaftler sein um zu begreifen, dass hier etwas gewaltig faul ist. In anderen Ländern liegt der Spritpreis teils bei rund 1,45 Euro, während in Deutschland Preise von 2,26 Euro und mehr aufgerufen werden. Auf den Bildern aus Siegen sieht man 2,269 Euro pro Liter. Schwarz auf weiß, kein Gerücht, keine Übertreibung, keine Fantasie, einfach die nackte Zahl. Trotzdem benehmen sich viele Medien so, als müsse man darüber in gedämpfter Zimmerlautstärke sprechen, damit niemand im Sendehaus Schnappatmung bekommt. Man könnte fast lachen, wenn es nicht gleichzeitig so verlogen wäre.

Das eigentlich Lächerliche ist aber nicht einmal nur dieses politische und mediale Schmierentheater. Das eigentlich Lächerliche ist die Bevölkerung selbst. Ja, genau die. Diese dauerbeleidigte, dauergenervte, dauerjammernde Masse, die bei jeder neuen Belastung große Augen macht aber am Ende doch wieder alles brav hinnimmt. Tanken zu teuer, Strom zu teuer, heizen zu teuer, Lebensmittel zu teuer und wohnen zu teuer. Aber Hauptsache man bleibt artig, angepasst und zuverlässig in der Spur. Hauptsache bloß nicht aus der Reihe tanzen, Hauptsache die Empörung bleibt dekorativ und ungefährlich. Das ist die eigentliche Komik an Deutschland. Man will nicht gemolken werden, steht aber jeden Morgen freiwillig wieder im Stall.

Aus Bulgarien betrachtet hat dieses Schauspiel längst eine fast satirische Qualität. Da sitzen Menschen in einem der teuersten und am stärksten belasteten Länder Europas, lassen sich von Politik, Abgaben, Steuern, Energiepreisen und Alltagskosten bis auf die Knochen ausnehmen und schaffen es trotzdem noch jede echte Gegenwehr durch perfekt gepflegtes Meckern zu ersetzen. Das ist schon fast eine kulturelle Spezialität. Man klagt, aber man handelt nicht. Man schimpft, aber nur in sicheren Räumen. Man leidet, aber bitte mit Termin, Regelwerk und moralischer Genehmigung und am Ende wird weitergezahlt. Immer weiter, immer brav, immer geschniegelt in die nächste Zumutung.

Genau deshalb hält sich meine Mitleid inzwischen in engen Grenzen. Wer sich alles gefallen lässt, bekommt eben irgendwann alles serviert. Wer jede neue Frechheit schluckt darf sich nicht wundern, wenn die nächste noch teurer, noch unverschämter und noch dreister ausfällt. Wer immer nur an der Zapfsäule flucht, aber nie am Grundproblem rührt ist nicht bloß Opfer, er ist Teil des Systems das ihn ausnimmt. Hart gesagt, aber wahr. Diese endlose Bereitschaft alles zu ertragen und sich dabei noch für vernünftig zu halten, ist kein Zeichen von Reife, es ist ein Zeichen von Erziehung zum Gehorsam. Es ist die Mentalität des Bücklings, der sich über den Tritt in den Rücken beschwert, aber vorsichtshalber schon mal die passende Haltung einnimmt, damit der nächste leichter landet.

Das System funktioniert genau deshalb so gut, weil es auf diese Haltung bauen kann. Die Politik weiß längst, dass sie dem Bürger viel zumuten kann. Die Medien wissen längst, dass man mit ein bisschen gelenkter Empörung und reichlich Halbwahrheit fast jede Sauerei durch den Nachrichtenabend bekommt. Die Bürger selbst beweisen jeden Tag aufs Neue, dass ihre Schmerzgrenze zwar rhetorisch existiert, praktisch aber nirgendwo zu finden ist. Das Ergebnis sieht man an der Tankstelle, an der Supermarktkasse, auf der Stromrechnung, auf der Heizkostenabrechnung und irgendwann im gesamten Alltag. Alles wird teurer, alles wird enger, alles wird unverschämter. Doch die Mehrheit macht das, was sie am besten kann, sie meckert und gehorcht.

Vielleicht ist genau das die bitterste Pointe an der ganzen Sache. Nicht die hohen Preise, nicht die gierigen Konzerne, nicht einmal der Staat der überall die Hand aufhält, sondern ein Teil der Bevölkerung der sich längst daran gewöhnt hat misshandelt zu werden, solange man die Misshandlung nur ordentlich verpackt. Mit netten Worten, mit Expertenstimme, mit Radiotonfall und mit dem beruhigenden Hinweis, dass die Lage leider komplex sei. Ja natürlich ist sie komplex, vor allem für jene, die mit immer weniger Geld immer mehr bezahlen sollen und sich dabei noch einreden, dass es schon seinen Grund haben werde.

Nein, es hat nicht immer einen guten Grund. Es hat oft nur einen einfachen, man kann es mit euch machen, genau deshalb wird es gemacht, so schlicht ist das. Wer ein Volk vor sich hat, das sich antrainiert hat jede Zumutung zuerst zu diskutieren, dann zu relativieren und schließlich zu akzeptieren, der braucht keine echte Angst vor Widerstand zu haben. Dann reicht es hier und da ein paar Schuldige zu präsentieren, ein bisschen auf Konzerne zu zeigen, ein bisschen auf Weltmärkte, ein bisschen auf Kriege, ein bisschen auf Krisen und schon ist die Sache wieder hübsch genug erklärt, damit die Bücklinge weiterzahlen.

Man muss es so drastisch sagen, weil alles andere längst nur noch Feigheit wäre. Deutschland hat nicht nur ein Preisproblem, Deutschland hat ein Rückgratproblem. Ein Land voller Menschen die sich an der Zapfsäule empören, aber politisch und gesellschaftlich so zuverlässig klein beigeben, dass man fast schon Respekt vor dieser Disziplin haben muss. Es ist die Disziplin des Duckens, die Perfektion des Erduldens. Die hohe Kunst, selbst im Ruin noch Haltung zu bewahren, solange sie schön angepasst aussieht.

Wer heute also über Spritpreise jammert, aber gleichzeitig jede ernsthafte Konsequenz scheut, jede klare Benennung vermeidet und jede Form von friedlichem sichtbarem Protest für zu unbequem hält, der sollte vielleicht einfach ehrlich sein. Nicht das System allein ist das Problem, auch die Bereitschaft, sich immer wieder willenlos melken zu lassen gehört dazu. Der Bürger als Daueropfer ist eben nicht nur tragisch, er ist irgendwann auch lächerlich.

Und genau da endet mein Mitleid. Wer sich wie ein Bückling behandeln lässt, wird auch wie einer behandelt. Wer immer nur meckert, aber niemals aufsteht bekommt eben nicht Gerechtigkeit, sondern die nächste Rechnung. Wer alles schluckt sollte sich über den bitteren Geschmack nicht beschweren.

Deutschland hat also nicht nur zu teuren Sprit. Deutschland hat vor allem zu viele Menschen, die sich jede Schweinerei gefallen lassen und dann überrascht tun, wenn schon wieder tiefer in ihre Taschen gegriffen wird. Von hier aus Bulgarien betrachtet ist das längst keine Tragödie mehr. Es ist eine bitterböse Farce und die Pointe daran ist, dass die Hauptdarsteller sie bis heute nicht verstanden haben.

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