Nahost am Abgrund und wir tun noch immer so, als ginge uns das alles nichts an
Ich beobachte seit langer Zeit mit wachsendem Ekel wie über den Nahen Osten berichtet wird, als handele es sich um eine ferne Dauerstörung am Rand der Welt. Ein weiterer Luftschlag hier, ein Vergeltungsschlag dort, ein paar routinierte Betroffenheitsfloskeln aus westlichen Hauptstädten, dazu die übliche mediale Beruhigungspille für das Publikum, das bitte weiter einkaufen, streamen und schlafen soll. Genau das ist der Trugschluss, genau das ist die Lüge. Der Nahe Osten ist nicht weit weg, er ist längst in unseren politischen Debatten, in unseren Sicherheitsfragen, in unseren sozialen Spannungen, in unseren digitalen Radikalisierungsräumen und in der geistigen Verwahrlosung angekommen, mit der westliche Gesellschaften inzwischen auf Gewalt reagieren. Stand 6. März 2026 sprechen selbst internationale Stellen nicht von einer kleinen regionalen Zuspitzung, sondern von einer schweren humanitären Notlage. Reuters berichtet über massive Vertreibungen in Libanon und Iran, über Evakuierungsanordnungen in Beirut und über eine Eskalation, die weit über Gaza hinausgeht.
Was mich an dieser Lage so fassungslos macht ist nicht nur die Brutalität der Waffen, es ist die Dummheit mit der viele Menschen noch immer glauben man könne Kriege dieser Art geografisch begrenzen. Als ob der Hass im Schutt liegenbleibt, wenn die Kameras weiterziehen, als ob Fanatismus einen Pass braucht, als ob ideologische Vergiftung an Grenzanlagen haltmacht. Tut sie nicht, nie. Jeder lange Krieg, jede öffentliche Demütigung, jede zerbombte Nachbarschaft, jede entwurzelte Familie und jedes traumatisierte Kind vergrößert das Reservoir, aus dem Extremisten später schöpfen. Das ist keine hysterische Übertreibung, sondern eine alte bittere Regel. Der Global Terrorism Index 2025 beschreibt bewaffnete Konflikte ausdrücklich als den wichtigsten Treiber des Terrorismus. Im selben Bericht wird der sogenannte Islamische Staat mit seinen Ablegern weiter als tödlichste Terrororganisation der Welt geführt, verantwortlich für 1.805 Tote in 22 Ländern im Jahr 2024.
Wer jetzt noch so redet als sei der Jihadismus ein altes Kapitel aus den schlimmsten Jahren von Syrien und Irak, hat nichts verstanden. Diese Ideologie ist nicht verschwunden, sie hat sich angepasst. Sie braucht nicht einmal mehr zwingend ein großes Kalifat auf Landkarten um tödlich zu sein. Sie lebt heute flexibler, dezentraler, digitaler und damit für offene Gesellschaften schwerer greifbar. Das eigentliche Gift ist nicht nur der organisierte Terrorverband, sondern das Milieu aus Hass, Opfermythos, religiösem Fanatismus, digitaler Aufhetzung und moralischer Enthemmung das aus Verwüstung politischen Sprengstoff macht. Genau darin liegt die eigentliche Bedrohung. Nicht in dem plakativen Schreckgespenst, das man bequem in Dokumentationen verpacken kann, sondern in der langsamen Normalisierung einer Gewaltidee die sich in Köpfen festfrisst, lange bevor sie in Taten explodiert.
Ich sage das bewusst klar, damit mir niemand den billigen Vorwurf der Pauschalisierung anhängt. Islam ist nicht Jihadismus, Muslime sind nicht Terroristen. Wer beides gleichsetzt denkt nicht, sondern grölt nur. Aber ebenso dumm ist die gegenteilige Verharmlosung die so tut, als habe fanatischer Islamismus mit unserer Realität kaum noch etwas zu tun. Das ist Feigheit im Gewand der Toleranz. Europol warnt in seinem jüngsten Lagebild ausdrücklich vor einer fortbestehenden jihadistischen Bedrohung in Europa und beschreibt zudem, dass sich immer jüngere Menschen in digitalen Räumen radikalisieren. 2024 wurden in der EU 449 Personen wegen terroristischer Delikte festgenommen. 133 davon waren zwischen 12 und 20 Jahre alt. Die große Mehrheit dieser jungen Verdächtigen stand im Zusammenhang mit jihadistischem Terrorismus. Das sind keine Erfindungen nervöser Stammtische, das sind Zahlen aus Europas eigener Sicherheitsanalyse.
Genau hier beginnt der Punkt, an dem jeder ehrliche Beobachter aufhören muss die Öffentlichkeit mit sanften Formulierungen einzulullen. Niemand ist heute noch dadurch sicher, dass er weit entfernt wohnt. Die Entfernung schützt nicht mehr, weil die Radikalisierung längst nicht mehr nur in Ausbildungslagern, Hinterzimmern oder zerfallenen Provinzen stattfindet. Sie läuft über Plattformen, Chats, Videos, Parallelmilieus und über eine Dauerbeschallung mit Bildern, die in fanatischen Köpfen nicht Mitgefühl auslösen, sondern Vergeltungsfantasien. Europol beschreibt, dass sich online Gruppen mit ideologischen Überschneidungen bilden, in denen jihadistische Narrative neben anderen extremistischen Strömungen kursieren und gerade junge Menschen in Gewaltwelten hineingezogen werden. Wer diese Entwicklung unterschätzt, spielt russisches Roulette mit der inneren Sicherheit Europas.
Hinzu kommt der nächste Wahnsinn über den zu selten offen gesprochen wird. Kriege wie dieser zerstören nicht nur Städte, sondern auch die moralische Grammatik ganzer Generationen. Wenn Kinder über Monate und Jahre nichts als Bomben, Hunger, Flucht, Verlust und rohe Macht erleben, dann wächst dort nicht automatisch der nächste Terrorist heran, aber ganz sicher auch nicht die stabile Grundlage für Frieden, Vertrauen und rechtsstaatliche Vernunft. Die Vereinten Nationen warnten Anfang 2025 bereits, in Gaza sei eine ganze Generation traumatisiert. UNICEF schilderte Ende 2024 und erneut 2025 das Ausmaß von Angst, Entwurzelung, Krankheit und Dauertrauma unter Kindern in Gaza. Wer solche Verwüstungen produziert oder achselzuckend hinnimmt darf sich später nicht überrascht geben, wenn aus Traumatisierung Wut wird und aus Wut politische oder religiöse Besessenheit.
Der Westen hat sich in dieser Frage eine besonders bequeme Form der Selbsttäuschung angewöhnt. Solange Gewalt weit genug entfernt explodiert tut man so, als könne man sie mit Appellen, Pressekonferenzen und etwas Sicherheitsrhetorik einhegen. Aber dieselben Gesellschaften die sich gern für aufgeklärt halten, sind geistig erschreckend unvorbereitet auf das, was aus solchen Dauerkriegen folgt. Mehr Polarisierung, mehr Hass auf offener Bühne, mehr Radikalisierung im Netz und mehr Propaganda auf allen Seiten. Mehr junge Männer die sich in einer Mischung aus religiöser Aufladung, Kränkung, Identitätssuche und Gewaltfaszination verlieren. Mehr politische Lager, die jede Tat sofort instrumentalisieren. Mehr hysterische Reflexe, mehr Misstrauen, mehr gesellschaftliche Verrohung. Nicht der große Knall ist das Einzige was uns droht, gefährlicher ist die langsame Zersetzung.
Als ob das nicht reichen würde, frisst sich der Konflikt gleichzeitig in die wirtschaftlichen Lebensadern. Reuters berichtet bereits, dass der Krieg die Schifffahrt und den Tankerverkehr in der Straße von Hormus massiv beeinträchtigt. Genau dort zeigt sich der ganze Zynismus der Weltpolitik. Solange Menschen sterben palavern viele Regierungen. Wenn aber Öl, Lieferketten, Versicherungen und Märkte zittern wird es plötzlich hektisch. Das ist die moralische Bankrotterklärung unserer Zeit. Tote Zivilisten sind für viele Machtzentren oft nur eine Randnotiz, bis ihre Leiber als Preisaufschlag an der Zapfsäule messbar werden.
Ich sehe deshalb keinen Anlass für jene schläfrige Beruhigung, die uns von vielen Medien und Politikern verkauft wird. Wer heute noch meint das alles sei weit weg, verwechselt geografische Distanz mit realer Sicherheit. Es ist weit weg bis der Hass über Bildschirme importiert wird. Es ist weit weg bis junge Menschen in Europa in digitale Radikalisierungsräume kippen. Es ist weit weg bis aus globalem Fanatismus lokale Gewalt wird. Es ist weit weg bis Gesellschaften unter dem Druck aus Angst, Wut, Migration, Polarisierung und Extremismus anfangen sich selbst zu zerlegen. Dann ist es plötzlich nicht mehr weit weg, dann ist es mitten unter uns.
Das größte Übel ist am Ende nicht nur die Rakete, nicht nur die Miliz, nicht nur der einzelne Prediger oder der einzelne Terrorist. Das größte Übel ist der Hass der alles durchdringt und sich in Kriegszeiten wie Giftgas ausbreitet. Hass macht aus Religion eine Waffe, aus Politik ein Brandbeschleuniger und aus verletzten Menschen Material für neue Gewalt. Wer diesen Hass nährt, wer ihn relativiert, wer ihn propagandistisch ausschlachtet oder ihn aus Feigheit nicht klar benennt arbeitet an der nächsten Katastrophe mit. Es gibt keine bequeme Mitte mehr zwischen naiver Verharmlosung und dumpfer Hetze. Wer noch bei Verstand ist, muss beides ablehnen, er muss fanatischen Islamismus klar benennen, ohne Muslime pauschal zu diffamieren. Er muss die Verwüstung des Nahen Ostens als Brutstätte künftiger Radikalisierung erkennen, ohne in billige Schlagworte zu verfallen. Er muss endlich begreifen, dass offene Gesellschaften nicht dadurch stark bleiben das sie die Augen schließen, sondern dadurch, dass sie die Gefahr nüchtern ansehen bevor sie einschlägt.
Mein Eindruck ist deshalb hart und unerquicklich. Wir stehen nicht vor einem sauberen Ende dieses Wahnsinns, sondern vor einer langen Phase der Vergiftung. Mehr Krieg, mehr Vertreibung, Zerstörung und digitale Radikalisierung. Mehr Einzeltäter, ideologische Verhärtung und politische Lügen. Mehr Menschen, die sich in falscher Sicherheit wiegen weil sie glauben, dass der Feuersturm an den Außengrenzen der eigenen Komfortzone stehenbleibt. Genau das wird nicht passieren. Wer den Nahen Osten brennen lässt, wird mit dem Rauch leben müssen und dieser Rauch bleibt nicht dort, er zieht längst durch die Welt.
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