Whisky Galore, oder wie der Atlantik einmal großzügig war
Es gibt Whiskeygeschichten, die klingen wie Reklame. Glatte Stimmen, Kaminfeuer, schwere Ledersessel, irgendwo eine Hand die das Glas in Zeitlupe schwenkt. Und dann gibt es Geschichten die sind so real, dass man sie nur glauben kann, weil sie viel zu frech sind um erfunden zu sein. Diese hier gehört zur zweiten Sorte. Sie spielt nicht in einer Bar, sondern am Rand der Welt, dort wo Wind nicht weht sondern arbeitet.
Wir sind auf den Hebriden, im Winter 1941, Krieg, Rationierung. Kälte, die nicht nach romantischem Schnee aussieht, sondern nach nassen Schuhen und dem Gefühl, dass die Sonne heute keine Lust hat. In dieser Szenerie kommt ein Schiff ins Spiel, das eigentlich einfach nur seine Arbeit tun wollte. Der Dampfer SS Politician ist unterwegs, irgendwo zwischen normaler Welt und Kriegswirklichkeit, beladen mit allerlei Fracht. Und unter dieser Fracht befindet sich etwas, das auf Inseln ungefähr den Status von flüssigem Optimismus hat. Scotch Whisky, sehr viel Scotch Whisky, etwa 22.000 Kisten. Man muss sich das vor Augen halten. Das ist nicht „ein paar Flaschen, die zufällig übrig waren“, das ist eine schwimmende Großveranstaltung.
Dann passiert das, was im Atlantik früher oder später immer passiert, Wetter. Ein Sturm, der nicht fragt ob du heute schon genug Drama hattest. Das Schiff gerät in Schwierigkeiten und läuft vor der Insel Eriskay auf Grund. Das ist zunächst gefährlich, ernst, kalt, mit allem was man in solchen Momenten nicht braucht. Und dann beginnt der Teil der diese Geschichte so brillant macht, dass man fast neidisch wird, weil das Leben manchmal bessere Drehbücher schreibt als jeder Autor.
Denn die Inselbewohner finden heraus, was da draußen im Wasser liegt und ab diesem Moment kippt die Stimmung in ein sehr menschliches „Moment mal“. Die Menschen auf Eriskay waren nicht reich, sie waren nicht verwöhnt und sie lebten nicht in einer Gegend, in der man mal eben in den Laden geht und sich Luxus in den Korb legt. Plötzlich liegt da ein Wrack das nicht nur Holz und Metall ist, sondern eine Art flüssige Beilage zur Moral. Der Atlantik hat ihnen praktisch ein Geschenk vor die Haustür geworfen und zwar nicht in homöopathischen Mengen, sondern in Kisten, Kistenweise.
Was dann passiert ist offiziell ein Kapitel über Bergung. Inoffiziell ist es eher ein Kapitel darüber, wie schnell Menschen zu sehr kreativen Logistikern werden, wenn der Anreiz stimmt. Da wurden Kisten aus dem Wasser gezogen, Flaschen gesichert, das Ganze wurde so effizient organisiert, dass man im Nachhinein sagen könnte, die Insel hätte jederzeit ein eigenes Versandzentrum aufmachen können. Und ja, natürlich wurde auch versteckt, es ist Krieg, es ist kalt, es ist Insel. Du tust nicht was der Prospekt sagt, du tust was die Realität verlangt.
Der Humor dieser Geschichte liegt aber nicht nur in den Menschen, sondern im Zusammenprall der Welten. Denn dieser Whisky war eigentlich für den Export bestimmt gewesen. Auf ihn war noch keine Steuer bezahlt. Du kannst dir vorstellen wie begeistert die Behörden waren als sie verstanden, dass sich auf einer kleinen Insel gerade etwas abspielte, das man aus Sicht des Staates ungefähr als „ungeplante Umverteilung“ bezeichnen muss.
Jetzt stell dir den Zoll vor. Du bist Beamter, dein Job ist Ordnung und du landest auf einer windigen Insel auf der plötzlich jeder zweite Mensch so wirkt, als hätte er eine sehr gute Woche hinter sich. Du musst ernst bleiben, du musst Regeln durchsetzen und während du das tust, weht dir wahrscheinlich aus irgendeinem Haus ein Duft entgegen der dir sagt, dass deine Mission heute ein bisschen zäher wird als gedacht. Du stehst da mit deinem Notizblock, und die Insel steht da mit einem Grinsen das sie nicht mal verstecken muss, weil es ohnehin überall Wind gibt.
Das Ganze eskalierte natürlich. Es gab Ermittlungen, Ärger, Anklagen. Nicht jeder kam damit durch und genau hier zeigt sich wieder diese besondere Qualität der Realität. Sie ist nicht nur lustig, sie ist auch streng. Humor und Konsequenz passen erstaunlich gut zusammen. Es ist wie bei einem starken Dram. Erst lachst du, dann merkst du, dass er doch ordentlich Zug hat.
Und weil das alles zu gut war um nur als Aktenvermerk zu enden, wurde es später zur Vorlage für „Whisky Galore“, erst als Roman und dann als Filmkomödie. Das heißt ein echtes Wrack, echte Flaschen und echter Ärger mit dem Zoll wurden zu Kultur. Nicht die glatte, sondern die gute. Die, die nach Salz riecht, nach nassem Holz, nach kalter Luft und nach der Sorte Unfug, die man nur versteht wenn man weiß, wie sich Winter wirklich anfühlen.
Ich stelle mir manchmal vor, wie es gewesen sein muss eine dieser Flaschen zu öffnen. Draußen das Meer das dich anbrüllt, drinnen ein Raum der nach Torf, nach Wolle, nach Rauch riecht. Und dann dieser Moment, wenn der Korken sich löst und etwas Warmes in die Nase steigt das nicht aus der Insel kommt, sondern aus Malz, Fass und Zeit. Ein Duft, der nicht nur „Alkohol“ sagt, sondern „bleib kurz sitzen“. In so einer Situation ist Whiskey nicht Status, er ist Trost und zwar in einer Form, die sehr überzeugend sein kann wenn der Wind draußen nicht verhandelt.
Das ist die Wahrheit dieser Geschichte. Whiskey hat manchmal nichts Elegantes an sich, außer dem Effekt den er hat. Er bringt Menschen zusammen, er macht Abende weicher und er hat diese seltene Gabe, sogar aus einem Schiffbruch etwas zu machen, das man später mit einem Lächeln erzählt. Der Atlantik war 1941 einmal großzügig und die Behörden haben danach vermutlich beschlossen, nie wieder etwas zu unterschätzen das in Kisten kommt und nach Lebensfreude riecht.

Mein langer Umweg zum Guten

Der erste Schluck der Geschichte

Die Sprache der Aromen

Whisky Galore, oder wie der Atlantik einmal großzügig war

Kyrö Malt Rye Whisky

Aberlour 12 Year Old Double Cask Matured

