Der erste schluck

Der erste Schluck der Geschichte

Wenn man heute über Whiskey spricht tut man gern so, als sei er irgendwann feierlich erfunden worden, mit ernstem Blick, perfektem Kupfer und einem Engelchor im Hintergrund. Die Wahrheit ist viel besser, weil sie viel menschlicher ist. Whiskey hat keinen Geburtstag mit Kerzen, er hat eher ein erstes Mal bei dem irgendwer in einer kalten Werkstatt stand, etwas Vergorenes erhitzte, den Dampf wieder einfing und dann feststellte, dass da plötzlich mehr drinsteckt als nur Alkohol. Wärme, Haltbarkeit, Konzentration und eine ziemlich überzeugende Methode den Winter nicht persönlich zu nehmen.

Das Problem, wenn man fragt wo Whiskey entstanden ist, lautet deshalb nicht das niemand eine Idee hätte. Das Problem ist, dass die Leute damals nicht daran gedacht haben, für uns später sauber Buch zu führen. Was man seriös sagen kann ist nur das, es gibt frühe Spuren in Irland und Schottland und beide Länder haben gute Gründe ein bisschen stolz zu sein, ohne dass man daraus einen Stammtischkrieg machen muss. In Irland wird häufig das Jahr 1405 genannt, weil in den Annals of Clonmacnoise ein Chieftain erwähnt wird, der an Weihnachten an einem Zuviel „aqua vitae“ zugrunde gegangen sein soll. Das ist als Ursprungsgeschichte herrlich ehrlich, weil die erste große Notiz nicht lautet wie edel das alles war, sondern wie sehr es knallen kann, wenn man den Anstand vergisst.

Schottland hat dafür den Klassiker der so trocken ist, dass er schon wieder lustig wird. Einer der frühesten klaren Belege taucht 1494 in den Exchequer Rolls auf, also in Steuer und Rechnungsunterlagen. Dort steht der berühmte Satz über „eight bolls of malt“ für Friar John Cor, damit er „aqua vitae“ herstellt. Das ist Whiskeygeschichte im Stil eines Lieferscheins. Kein Lagerfeuer, kein Dudelsack, keine Poesie, nur Malz, ein Bruder und das königliche Budget. Wenn etwas wirklich groß wird, beginnt es manchmal genau so. Unauffällig, Bürokratisch und dann ist es plötzlich Kultur.

Das Wort selbst verrät übrigens, wie früh das Ganze schon als etwas Besonderes empfunden wurde. Im Irischen heißt es uisce beatha, im Schottisch Gälischen uisge beatha. Wörtlich Wasser des Lebens, eine direkte Übersetzung des lateinischen aqua vitae. Daraus wurde mit der Zeit im Englischen whiskey oder whisky. Man muss sich das mal vorstellen. Die Menschheit erfindet ein Getränk, das sie zuverlässig langsamer macht und manchmal auch ein bisschen mutiger, und der Name dazu ist nicht „Getreidebrand“ oder „Brennzeug“, sondern gleich eine kleine Ansage an das Leben selbst. Das ist entweder Größenwahn oder Erfahrung, vermutlich beides.

Wie ist das nun wirklich entstanden, ganz praktisch, nicht als Mythos, sondern als Handwerk. Erst wurde Getreide vergoren, wie beim Bier, das konnte man schon lange. Dann kam die Idee, den Alkohol zu konzentrieren, indem man das Vergorene erhitzt, den Dampf auffängt und wieder abkühlt, Destillation. Heute klingt das nach Technik, damals war das eher ein Abenteuer mit Kupfer, Feuer und dem stillen Vertrauen, dass schon nichts passiert solange man aufpasst. Und am Ende stand etwas, das stärker war als alles was man vorher im Becher hatte. Etwas das wärmt, das hält, das transportierbar ist, das ist der nüchterne Teil. Der schöne Teil ist der Moment danach, dieser erste Schluck bei dem man nicht „Aromen“ gesucht hat, sondern schlicht geprüft hat ob man danach noch geradeaus laufen kann.

Und damit sind wir bei dem Punkt, der mir für dieses Journal am wichtigsten ist. Die Frage nach dem genauen ersten Ort ist am Ende weniger spannend als die Erkenntnis, was Whiskey von Anfang an war. Keine Show, kein Luxus auf Bestellung, sondern eine Lösung. Für Kälte, für Lagerung, für Zeit und für die harte Realität, dass man manchmal etwas braucht, das mehr ist als ein Getränk. Und genau deshalb passt Whiskey heute so gut in unsere schnelle Welt, weil er nicht für Eile gemacht ist. Weil er dir still sagt, dass du ihn nicht besitzen wirst, du kannst ihm nur begegnen.

Ich mag diesen Gedanken, dass irgendwo, irgendwann in Irland oder Schottland oder in beiden Welten parallel, Menschen etwas erschaffen haben, das bis heute funktioniert ohne laut zu sein. Und dass die frühesten Spuren dazu nicht aus Liebesbriefen bestehen, sondern aus Chroniken, Quittungen und dem ältesten menschlichen Fehler überhaupt, zu Weihnachten zu meinen man hätte alles im Griff.

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