Mehr arbeiten

Arbeiten bis zum Umfallen – das neue Regierungsprogramm

Diese Republik wird nicht von „faulen Bürgern“ zerstört, sie wird von einer politischen Klasse zerlegt, die sich angewöhnt hat nach unten zu treten sobald ihr oben nichts mehr einfällt. „Die Deutschen arbeiten zu wenig“ ist dabei kein Ausrutscher, sondern das offizielle Eingeständnis moralischer Bankrotterklärung. Wer so spricht, hat innerlich gekündigt, nicht vom Amt, sondern von jeder Verantwortung gegenüber den Menschen die er angeblich vertritt.

Man muss sich nur anschauen, woher diese Sätze kommen. Sie kommen nicht aus Fabrikhallen, nicht aus Pflegeheimen, nicht von Baustellen, nicht aus Supermärkten, nicht aus Nachtschichten. Sie kommen aus dem politischen Biotop rund um den Deutscher Bundestag, wo reale Arbeit nur noch als Zahl in Vorlagen existiert und Erschöpfung als individuelles Problem gilt. Dort entstehen keine Lösungen, dort entstehen Narrative. Dieses Narrativ lautet, ihr seid selbst schuld.

Die Realität ist eine andere, Deutschland ist ein Land der Dauerbelastung. Millionen Menschen arbeiten am Limit, körperlich wie psychisch. Sie funktionieren, weil sie müssen, nicht weil sie wollen. Sie leisten weil der Absturz droht wenn sie es nicht tun und genau dieses System wird nun auch noch moralisch aufgeladen. Wer erschöpft ist gilt als schwach, wer weniger arbeitet als unmoralisch und wer widerspricht als Querulant. Das ist keine Leistungsgesellschaft, das ist ein Dressurprogramm.

Besonders perfide ist die bewusste Verdrehung von Fakten, die Produktivität pro Arbeitsstunde gehört seit Jahren zur Weltspitze. Das ist bekannt, dokumentiert, international belegt, unter anderem von der OECD. Doch diese Zahlen werden ignoriert, weil sie das gewünschte Feindbild zerstören würden. Wer effizient arbeitet, stört das Märchen vom angeblich bequemen Volk. Also wird die Arbeitszeit isoliert betrachtet und der Rest unterschlagen. Das ist keine Unwissenheit, das ist Absicht.

Denn diese Debatte hat ein Ziel, sie soll vorbereiten. Längere Lebensarbeitszeit, noch späterer Renteneintritt, noch mehr Druck auf Kranke, Alte, Alleinerziehende, noch weniger soziale Absicherung. Wer die Menschen erst zu Schuldigen erklärt, kann ihnen danach alles abverlangen. Das ist politisches Kalkül. Kalt, berechnend und vollkommen losgelöst von jeder sozialen Realität.

Was hier entsteht ist moderne Sklaverei im demokratischen Gewand. Kein Eigentümer, aber totale Abhängigkeit. Keine Peitsche, aber permanente Existenzangst. Keine Ketten, aber Verträge, Mieten, Rechnungen, Versicherungen. Arbeite mehr oder verliere alles. Wer das Freiheit nennt, hat den Begriff so lange missbraucht, bis er bedeutungslos geworden ist. Es ist Ausbeutung, nichts weiter.

Der Gipfel der Verlogenheit liegt darin, dass ausgerechnet jene über Arbeitsmoral sprechen, die selbst in einer Parallelwelt leben. Abgeordnete mit Diäten, Zulagen, Mitarbeiterstäben und sicheren Pensionen erklären Menschen was „zumutbar“ sei. Menschen, die niemals erleben werden, wie es ist krank zu arbeiten, weil der Lohn sonst nicht reicht. Menschen, die nie entscheiden müssen ob sie die Heizung runterdrehen oder beim Essen sparen. Diese Reden sind keine politischen Beiträge, sie sind Ausdruck blanker Arroganz.

Und dann wundert man sich über Wut, über Vertrauensverlust und über Politikverdrossenheit. Dabei wird dieses Misstrauen täglich neu produziert. Wer den arbeitenden Teil der Bevölkerung öffentlich abwertet darf sich nicht wundern, wenn ihm niemand mehr glaubt. Respektlosigkeit bleibt nicht folgenlos, sie frisst sich durch Gesellschaften bis nichts mehr zusammenhält.

Deutschland scheitert nicht an zu wenig Arbeit, Deutschland scheitert an einer Politik die Arbeit verachtet, solange sie nicht im eigenen Lebenslauf stattfindet. An einer Elite, die Leistung fordert, aber Solidarität verweigert. An Entscheidungsträgern, die Probleme nicht lösen, sondern delegieren, aber immer nach unten.

„Die Deutschen arbeiten zu wenig“ ist der Satz einer Klasse die den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat und sich trotzdem für unersetzlich hält. Er zeigt wie tief der Riss inzwischen ist und er zeigt, dass dieses System nicht reformiert sondern verteidigt wird. Mit Lügen, mit Schuldzuweisungen und mit moralischem Druck.

Das ist kein Betriebsunfall, das ist das System und solange diese Denkweise den Ton angibt wird sich nichts bessern, außer für jene die sie sich ausgedacht haben.

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