Die moralische Supermacht USA – ein gefährliches Selbstbild
Die Vereinigten Staaten präsentieren sich bis heute als moralische Instanz der Weltpolitik, als Hüter von Freiheit, Menschenrechten und internationaler Ordnung. Dieses Selbstbild ist nicht nur Propaganda nach außen, sondern fest verankert in westlichen Medien, politischen Reden und militärischer Rechtfertigung. Wer militärisch eingreift, tut es angeblich nie aus Machtinteresse, sondern aus Verantwortung. Nie aus Kalkül, sondern aus Notwendigkeit, nie als Täter sondern immer als Retter.
Ein nüchterner Blick auf die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte zerstört dieses Bild vollständig.
Von Vietnam über Lateinamerika, vom Nahen Osten bis nach Nordafrika haben amerikanische Interventionen Staaten destabilisiert, Gesellschaften zerrissen und ganze Regionen in dauerhafte Gewaltspiralen gestürzt. Millionen Tote, Millionen Vertriebene, zerstörte Infrastruktur, zerfallene Staaten. Was diese Kriege verbindet, ist nicht ihr Einzelfallcharakter, sondern ein wiederkehrendes Muster. Die USA greifen ein, definieren sich selbst als moralisch überlegen, handeln militärisch rücksichtslos und entziehen sich anschließend konsequent der Verantwortung für die Folgen.
Vietnam endete nicht mit Befreiung, sondern mit verbrannter Erde und Traumatisierung ganzer Generationen. Der Irakkrieg basierte auf nachweislich falschen Behauptungen und führte zum Zusammenbruch eines Staates, aus dem Terrororganisationen hervorgingen, deren Bekämpfung später erneut als Rechtfertigung für Gewalt diente. Libyen wurde im Namen des Schutzes der Zivilbevölkerung bombardiert und existiert heute als funktionierender Staat nicht mehr. Afghanistan endete nach zwanzig Jahren Besatzung mit einem Abzug, der das Land genau jenen Kräften überließ, gegen die man angeblich gekämpft hatte. Diese Bilanz ist keine Meinung, sie ist dokumentierte Realität.
Was auffällt ist nicht nur das Ausmaß des Leids, sondern die völlige Abwesenheit echter Selbstanklage. Es gibt keine Tribunale der Sieger, keine systematische juristische Aufarbeitung und keine persönliche Verantwortung der politischen Entscheider. Stattdessen wird jeder Krieg rhetorisch neu verpackt, jedes Scheitern umgedeutet, jede Katastrophe externalisiert. Die Schuld liegt immer woanders. Beim Gegner, bei kulturellen Umständen, bei unglücklichen Fehlern aber nie bei der eigenen Machtlogik.
Genau hier liegt der gefährlichste Punkt. Eine Macht, die sich selbst dauerhaft als moralisch überlegen definiert, hält sich nicht mehr an universelle Maßstäbe. Sie schafft eigene Begriffe, eigene Kategorien, eigene Ausnahmen. Menschenrechte gelten dann nicht als unteilbar, sondern als anwendbar nach Bedarf. Wer außerhalb dieser Definition fällt, verliert Schutz, Stimme und Sichtbarkeit.
Dieses Muster ist nicht neu, es ist älter als die heutige Weltordnung und es beginnt nicht erst im Kalten Krieg oder im „Krieg gegen den Terror“.
Der Blick zurück ist notwendig
Wer verstehen will, warum amerikanische Macht bis heute so agiert muss dorthin schauen, wo dieses Selbstverständnis erstmals ohne Konsequenzen wirksam wurde. In die Zeit nach 1945, in den Moment in dem die USA nicht nur Sieger waren, sondern Deuter der Moral. In eine Phase, in der sie über Millionen besiegter Menschen verfügten, ohne Kontrolle, ohne Gegenmacht und ohne öffentliche Rechenschaft.
Die Rheinwiesenlager sind kein Randthema der Geschichte, sie sind ein Prüfstein. Sie zeigen, wie schnell sich die Rolle des Befreiers in die des Verwalters von Entrechtung verwandelt, wenn Macht nicht mehr hinterfragt wird. Sie zeigen, dass Menschenrechte dort enden wo sie politisch stören und sie zeigen, dass Schweigen oft wirkungsvoller ist als offene Lüge. Was dort geschah erklärt nicht nur die Vergangenheit, es erklärt die Gegenwart. Denn wer einmal gelernt hat, dass man Leid erzeugen kann ohne dafür belangt zu werden wird dieses Wissen nicht wieder verlernen.
Nach der Kapitulation Deutschlands errichteten die US-Streitkräfte entlang des Rheins eine Kette riesiger Internierungslager, die unter dem Sammelbegriff Rheinwiesenlager bekannt wurden. Hunderttausende deutscher Soldaten wurden dort festgesetzt, nicht als reguläre Kriegsgefangene, sondern als „Disarmed Enemy Forces“. Diese juristische Kategorie war kein Verwaltungsdetail, sondern der Schlüssel zum Rechtsentzug. Mit ihr entzog man den Internierten den Schutz der Genfer Konvention. Keine garantierte Versorgung, keine medizinische Mindestbetreuung, keine ordentliche Unterbringung und keine systematische Registrierung.
Was folgte war kein chaotischer Ausnahmezustand, sondern ein bewusst geschaffener rechtsfreier Raum. Die Lager bestanden häufig aus offenen Feldern, umzäunt mit Stacheldraht. Keine Baracken, kaum Latrinen, kein Schutz vor Regen, Kälte oder Hitze. Die Männer schliefen auf nackter Erde. Nahrung war knapp, teils bewusst rationiert, obwohl die amerikanische Logistik zu diesem Zeitpunkt zu den leistungsfähigsten der Welt gehörte. Krankheiten breiteten sich aus. Ruhr, Durchfall, Lungenentzündungen. Wer zusammenbrach, blieb liegen, wer starb wurde selten erfasst.
Die Zahl der Toten ist bis heute umstritten, nicht weil sie gering war, sondern weil sie nie vollständig dokumentiert wurde. Für die als „Disarmed Enemy Forces“ geführten Männer existierten keine systematischen Totenlisten. Namen gingen verloren, Todesursachen wurden nicht sauber erfasst. Seriöse Historiker sprechen von Zehntausenden Toten. Andere, gestützt auf interne Unterlagen und Versorgungsstatistiken, gehen von höheren Zahlen aus. Unabhängig von der exakten Ziffer ist eines unbestreitbar, diese Menschen starben nicht aus Unvermeidlichkeit, sie starben weil Hilfe verweigert wurde.
Besonders entlarvend ist der Umgang mit Hilfsangeboten. Das Internationale Rote Kreuz bot Unterstützung an, Nahrungsmittel, Decken, medizinische Versorgung. Diese Hilfe wurde verzögert, eingeschränkt oder blockiert. Die Begründungen wechselten, Sicherheitsbedenken oder Logistikprobleme, interne Kommunikation zeigt jedoch, dass man die Konsequenzen kannte. Die Verantwortung lag nicht bei einzelnen Wachposten, sondern in der Führung. Der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, Dwight D. Eisenhower, genehmigte die Sonderklassifikation und hielt sie aufrecht, der spätere Präsident war Teil der Entscheidungskette.
Was geschah mit den Toten. Sie wurden nicht heimlich in industriellen Massengräbern beseitigt, dafür gibt es keine belastbaren Belege. Die Wahrheit ist nüchterner und gerade deshalb so belastend. Die Toten wurden provisorisch beerdigt, oft namenlos, in Sammelgräbern oder notdürftigen Einzelgräbern in Lagernähe. Viele Gräber wurden nie dauerhaft markiert. Nach Auflösung der Lager gerieten sie in Vergessenheit, wurden eingeebnet oder gingen in ziviler Nutzung auf. Spätere Umbettungen erfolgten nur teilweise, viele Tote blieben anonym. Sie verschwanden nicht spektakulär, sie verschwanden bürokratisch.
Und die Überlebenden? Ab dem Sommer 1945 wurden die Lager schrittweise aufgelöst. Viele Männer wurden entlassen, körperlich ausgezehrt, krank, traumatisiert. Es gab keine systematische medizinische Nachsorge, keine Anerkennung ihres Leidens. Andere wurden an alliierte Staaten überstellt, insbesondere an Frankreich, wo sie in Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Für viele endete der Krieg nicht mit der Kapitulation, er setzte sich in anderer Form fort. Eine umfassende Befragung der Überlebenden fand nie statt, ihre Stimmen passten nicht ins gewünschte Bild.
Die späte Debatte darüber begann erst Jahrzehnte später. Ein Auslöser war das Buch Other Losses, das die Verwaltungspraxis und die Todeszahlen öffentlich machte. Das Werk ist umstritten, einzelne Thesen gelten als überzogen, doch die Vehemenz der Abwehr die ihm entgegenschlug ist selbst ein Befund. Statt nüchterner Aufarbeitung dominierte das Bedürfnis, den Mythos zu schützen.
Niemand behauptet seriös, dass die Verbrechen der Rheinwiesenlager mit den industriellen Massenmorden des Nationalsozialismus gleichzusetzen seien. Dieser Vergleich wird dennoch reflexhaft bemüht, um jede Kritik zu delegitimieren. Als dürfe man über Verbrechen der Sieger nur sprechen, wenn sie einzigartig sind. Als wäre Leid nur dann erinnerungswürdig, wenn es politisch verwertbar ist.
Das Schweigen über die Rheinwiesenlager ist kein Zufall, es folgt politischer Logik. Nach 1945 brauchte der Westen ein klares moralisches Narrativ. Die USA mussten als Schutzmacht erscheinen, als Hüter von Freiheit und Menschenrechten, insbesondere im beginnenden Kalten Krieg. Deutsche Opfer unter amerikanischer Verantwortung störten dieses Bild. Also verschwanden sie aus Schulbüchern, aus Filmen, aus offiziellen Gedenkformaten. Geschichte wurde nicht aufgearbeitet, sondern verwaltet.
Diese Logik wirkt bis heute. Auch in der Gegenwart wird moralisch sortiert, bevor Fakten geprüft sind. Auch heute gelten bestimmte Akteure automatisch als die Guten, andere als die Bösen. Auch heute werden Menschen entrechtet, indem man sie neu definiert. Wer die Rheinwiesenlager versteht, versteht die Mechanik moderner Macht.
Der amerikanische Soldat war im Zweiten Weltkrieg kein durchgehend guter Befreier. Er war Teil einer Siegermacht, die entschied, wer Rechte hat und wer nicht. Das macht ihn nicht zu einem Dämon, aber es zerstört die Legende und ohne diese Legende lässt sich auch die Gegenwart nicht mehr bequem erklären.
Die Vereinigten Staaten haben sich nie dauerhaft an universelle Maßstäbe gebunden. Sie haben sich an ihre Interessen gebunden und diese moralisch veredelt. Das ist die Konstante von 1945 bis heute. Wer das benennt, betreibt keinen Anti-Amerikanismus, er betreibt historische Hygiene.
Die Toten der Rheinwiesenlager wurden nicht ermordet um zu verschwinden, sie wurden sterben gelassen um vergessen zu werden. Wer sie heute erinnert, relativiert keine deutschen Verbrechen. Er vervollständigt das Bild und genau darin liegt die Pflicht von Aufklärung.
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