Airport burgas

Burgas als Saisonopfer – Wie eine Stadt auf vier Monate Existenz reduziert wird

Es ist ein Zustand, der sprachlos macht und zugleich wütend. Eine europäische Stadt mit Hunderttausenden Einwohnern, mit Geschichte, Kultur, Universität, Hafen, Industrie, Parkanlagen und direktem Zugang zum Schwarzen Meer wird flugtechnisch behandelt wie ein reines Stranddorf, das man nach der Sommersaison einfach abschließt. Burgas verschwindet jedes Jahr aus dem deutschen Flugplan, als würde sie von Oktober bis April schlicht nicht existieren. Keine Direktflüge, keine Verbindungen, keine Option. Wer trotzdem reisen will, soll gefälligst Umwege, Zusatzkosten und Zeitverluste akzeptieren. Das ist kein Naturgesetz, das ist ein politisches und wirtschaftliches Versagen.

Die gängige Ausrede ist ebenso bequem wie unerquicklich, es gebe angeblich keine Nachfrage, das Schwarze Meer sei ein Sommerziel und im Winter lohne sich das nicht. Diese Argumentation ist nicht nur faul, sie ist nachweislich falsch, es gibt genug Menschen, die ganzjährig nach Burgas reisen wollen und müssen. Eigentümer von Immobilien, Auswanderer, Rückkehrer, Familien mit Bindungen nach Deutschland, Geschäftsleute, Selbständige, digitale Nomaden, Rentner. Menschen, die nicht zwei Wochen All Inclusive suchen, sondern Mobilität. Dazu kommt eine wachsende Zahl von Reisenden, die Städte erleben wollen, nicht Hotelburgen. Wer ernsthaft behauptet, dass niemand im Herbst oder Winter nach Burgas fliegen würde, verwechselt Marktforschung mit Wunschdenken.

Burgas ist keine Kulisse die man nach der Saison abbaut, die Stadt lebt ganzjährig. Cafés, Restaurants, Kulturveranstaltungen, Museen, Parks, Universitätsbetrieb, Verwaltung und Wirtschaft. Der Meeresgarten ist auch im Winter belebt, die Promenade kein totes Band aus Beton. Gerade außerhalb der Hochsaison zeigt die Stadt ihre eigentliche Qualität, Ruhe, Raum und Atmosphäre. Das ausgerechnet dann die direkte Anbindung aus einem der wichtigsten Herkunftsländer einfach gekappt wird, ist ein struktureller Affront gegen jede Form moderner Mobilität.

Besonders bitter wird es beim Blick auf den Flughafen Burgas. Ein internationaler Flughafen, Milliardeninvestitionen über die Jahre, moderne Terminals, hohe Kapazitäten und dennoch jedes Jahr dasselbe Spiel, Winter gleich Stillstand. Keine ernsthaften Versuche, Linienverkehre zu etablieren, keine Anreize für Airlines, keine strategische Planung. Stattdessen wird Burgas weiterhin auf die Rolle des saisonalen Abfertigers für Pauschaltourismus reduziert. Wer Verantwortung trägt, zieht sich auf Wirtschaftlichkeitsformeln zurück und ignoriert die langfristigen Schäden. Sichtbarkeit geht verloren, Vertrauen geht verloren und Entwicklung wird blockiert.

Dabei ist es eine Illusion zu glauben, man könne Nachfrage nur bedienen, wenn sie bereits maximal sichtbar ist, Nachfrage entsteht auch durch Angebot. Städte wie Porto, Neapel oder Bilbao haben genau das vorgemacht. Ganzjahresverbindungen haben diese Orte erst zu dem gemacht, was sie heute sind. Niemand käme auf die Idee, solche Städte im Winter aus dem Flugplan zu streichen. Doch Burgas wird weiterhin behandelt, als läge es außerhalb Europas, nicht an dessen Rand, sondern jenseits davon.

Das Argument der Rentabilität zerfällt spätestens dann, wenn man ehrlich hinschaut. Flugzeuge fliegen im Winter quer durch Europa zu deutlich kleineren Zielen, zu Städten ohne Meer, ohne internationales Publikum, ohne wachsende Auswanderer-Community. Der Unterschied ist nicht die Nachfrage, sondern der Wille. Es fehlt an politischem Druck, an klaren Vorgaben, an regionalem Selbstbewusstsein. Bulgarien verkauft Burgas im Ausland konsequent als Sommerdestination und wundert sich dann, dass Airlines nur Sommer denken. Deutschland wiederum akzeptiert diesen Zustand widerstandslos und lässt eine funktionierende, direkte Verbindung einfach fallen.

Das Schwarze Meer ist kein Saisonartikel. Schwarzes Meer ist Teil Europas, Burgas ist Teil Europas und Mobilität darf nicht davon abhängen, ob irgendwo ein Liegestuhl aufgestellt ist. Wer ernsthaft glaubt, dass moderne europäische Städte nur drei oder vier Monate im Jahr erreichbar sein müssen, hat den Anspruch an Infrastruktur und Vernetzung aufgegeben.

Dass es bis heute keine verlässlichen und ganzjährigen Direktflüge aus Deutschland nach Burgas gibt ist kein kleiner Missstand, es ist ein systemisches Scheitern. Ein Scheitern von Verkehrsplanung, Standortpolitik und strategischem Denken. Es signalisiert allen, die dort leben oder investieren wollen, dass sie nur geduldet sind, solange die Sonne scheint. Für eine Stadt mit dem Potenzial von Burgas ist das nicht nur unwürdig, es ist beschämend.

 

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