Schnee in deutschland

Deutschland im Ausnahmezustand – 
Oder: Wie ein Land an zehn Zentimetern Realität zerbricht

Es beginnt immer gleich, ein grauer Himmel, ein paar meteorologische Diagramme, dazu dieser Tonfall der sonst für Erdbeben oder Reaktorschäden reserviert ist. Die Tagesschau spricht von „extremen Wetterlagen“, Reporter stehen vor Bahnhöfen, als warteten sie auf Evakuierungsbusse. Schuldirektoren informieren Eltern per Rundmail über die drohende Apokalypse, die Bahn kapituliert vorsorglich. Noch bevor der erste Schneekristall den Boden berührt, ist Deutschland mental bereits verschüttet.

Zehn Zentimeter Schnee, im Winter, in einem Land das früher Panzer bei minus zwanzig Grad startklar machte und heute an nassen Gehwegen scheitert. Der Schneefall ist dabei gar nicht das eigentliche Ereignis. Das Ereignis ist die kollektive Selbstentmündigung. Ein ganzes Land, das reflexhaft in den Modus der betreuten Existenz schaltet. Nichts geht mehr ohne Warnung, Verordnung, Pressekonferenz und seelische Begleitung.

Währenddessen fahren in Zürich die S-Bahnen im Fünf-Minuten-Takt. In Stockholm gehen Kinder zur Schule. In Wien zuckt man mit den Schultern und nennt das Ganze Winter, nur in Deutschland wird aus Wetter ein Staatsakt. Hier wird Schnee nicht geräumt, sondern kommuniziert. Aus jeder Flocke wird ein Drama, aus jedem Glättehinweis ein moralischer Imperativ, bloß nichts mehr zu riskieren. Sicherheit zuerst, Denken später, Handeln am besten gar nicht.

Die Regale mit Tütensuppen leeren sich, als stünde eine Belagerung bevor. Veranstaltungen werden abgesagt, nicht weil es unmöglich wäre, sondern weil man es sich nicht mehr zutraut. Der moderne Deutsche fürchtet nicht den Sturm, sondern die Haftungsfrage, nicht die Kälte, sondern das Restrisiko, nicht das Scheitern, sondern die Verantwortung.

Dabei redet dieses Land pausenlos von Resilienz, Wehrfähigkeit, Krisenfestigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Große Worte, kleine Realität, wenn es schneit, bleiben alle zu Hause, wenn es friert, friert vor allem der Mut ein. Die Diskrepanz zwischen Selbstbild und tatsächlicher Belastbarkeit könnte größer kaum sein. Zeitenwende, sagen sie und stolpern über den Bordstein.

Was hier sichtbar wird, ist keine Wetterpanik, sondern ein kultureller Zustand. Eine Gesellschaft, die jedes Unwägbare als Störung empfindet und jede Störung als Bedrohung, die das Leben nur noch im abgesicherten Modus akzeptiert. Der südkoreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han hat das einmal treffend als Palliativgesellschaft beschrieben. Eine Gesellschaft, die Schmerz, Risiko und Zumutung präventiv ausschalten will und dabei verlernt hat, mit Realität umzugehen.

Deutschland ist das Endstadium dieser Entwicklung, ein Land als Vollkaskovertrag. Jede Verantwortung delegiert, jede Entscheidung standardisiert, jede Abweichung pathologisiert. Man hat alles geregelt und dabei vergessen, wie man handelt, wenn etwas nicht im Regelwerk steht. Früher war Improvisation eine Tugend, heute ist sie ein Organisationsversagen.

Das Ergebnis ist eine seltsame Mischung aus Panik und Lähmung, zwischen diesen beiden Zuständen kennt man nichts mehr. Entweder Alarmstufe Rot oder Stillstand, Grautöne existieren nicht mehr und Normalität ist verdächtig geworden. Wer nicht mitzittert, gilt als verantwortungslos, wer weitermacht als fahrlässig. Vernunft hat keinen Platz mehr, weil sie nicht sendefähig ist.

Und dann diese groteske Selbstüberschätzung. Man diskutiert über geopolitische Führungsrollen, über militärische Stärke, über internationale Verantwortung. Gleichzeitig scheitert man an Schnee, nicht an einem Jahrhundertwinter, sondern an zehn Zentimetern Alltäglichkeit. Das ist keine Satire, das ist Deutschland 2026.

Die eigentliche Frage lautet nicht, wie viel Schnee dieses Land aushält. Die Frage ist, wie wenig es inzwischen braucht, um es aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wenn schon Wetter zur Krise erklärt wird, was passiert dann bei echten Zumutungen. Bei Knappheit, bei Ausfällen, bei Situationen, in denen man nicht vorher warnen, sondern einfach handeln muss.

Vielleicht ist das die bittere Wahrheit. Deutschland ist nicht am Ende, aber es ist erschreckend weit davon entfernt, noch Anfang zu sein. Ein Land, das alles weiß, alles erklärt, alles absichert und trotzdem an der Realität scheitert, sobald sie sich nicht an die Pressemitteilung hält.

Wir sind nicht an einer Zeitenwende gescheitert, wir sind an Winter gescheitert und das ist vielleicht das ehrlichste Zeugnis über den Zustand dieses Landes.

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