Der Weihnachtsmann in Bulgarien – Zwischen Volksbrauch, Orthodoxie und kulturellem Wandel
Der Weihnachtsmann hat in Bulgarien eine andere Geschichte als im Westen, keine geradlinige, keine romantisierte und vor allem keine durchgehende. Seine Bedeutung ist das Ergebnis von Brüchen, Überlagerungen und bewussten Neuanfängen. Wer ihn hier verstehen will, muss akzeptieren, dass Bulgarien nie nur eine Weihnachtsfigur hatte, sondern mehrere, die sich gegenseitig ablösten oder bis heute nebeneinander existieren.
Im alten Bulgarien war der Weihnachtsmann als Figur praktisch unbekannt, das lag nicht an kultureller Rückständigkeit, sondern an einer völlig anderen Ordnung der Winterzeit. Der religiöse Kalender der orthodoxen Kirche bestimmte Rhythmus und Bedeutung. Zentral war dabei auch Nikolaus von Myra, dessen Verehrung in Bulgarien tief verwurzelt war und bis heute ist. Nikulden, der 6. Dezember, gehörte zu den wichtigsten Festtagen des Jahres, besonders in Küstenregionen. Nikolaus war Schutzheiliger der Fischer und Seeleute, zuständig für Sicherheit, Versorgung und göttliche Ordnung. Geschenke spielten dabei keine Rolle. Bedeutung entstand durch Rituale, gemeinsames Essen, religiöse Praxis.
Parallel dazu existierten die Koledari, ein Brauch, der älter ist als jede Weihnachtsfigur. Junge Männer zogen in der Nacht vor Weihnachten von Haus zu Haus, sangen Segenslieder und sprachen Wünsche für Gesundheit, Fruchtbarkeit und Wohlstand aus. Diese Rituale waren laut, kollektiv und öffentlich, sie funktionierten ohne zentrale Figur. Es gab keinen heimlichen Gabenbringer, keinen moralischen Beobachter, die Gemeinschaft selbst war Träger der Bedeutung. Das unterscheidet Bulgarien fundamental von westlichen Weihnachtserzählungen.
Eine Personifikation des Festes entwickelte sich erst später mit Dyado Koleda, dem Großvater Weihnachten. Diese Figur war nie klar definiert, sie stand weniger für Geschenke als für den Übergang vom alten zum neuen Jahr, für Ordnung, Erneuerung und zyklische Zeit. Dyado Koleda war kein Akteur, sondern ein Symbol, er tauchte in Erzählungen auf, nicht in Inszenierungen. Seine Bedeutung war abstrakt, nicht emotional aufgeladen.
Der eigentliche Einschnitt kam im 20. Jahrhundert. Mit der sozialistischen Machtübernahme wurde Religion systematisch zurückgedrängt, Weihnachten verlor seinen öffentlichen Stellenwert. An seine Stelle trat eine bewusst säkulare Figur, Dyado Mraz, Großvater Frost. Er war kein bulgarisches Original, sondern eine Übernahme aus der sowjetischen Kultur. Dyado Mraz brachte Geschenke, aber nicht zu Weihnachten, sondern zu Neujahr. Er war Teil staatlich organisierter Feiern, Schulveranstaltungen und offizieller Rituale. Seine Funktion war klar, er sollte Freude vermitteln, ohne religiöse Bedeutung, ohne Tradition, ohne Geschichte. Für viele Bulgaren, die in dieser Zeit aufwuchsen, ist Dyado Mraz bis heute die prägendste Winterfigur.
Diese Phase hat tiefe Spuren hinterlassen, Generationen erlebten den Winter ohne Weihnachten, aber mit Geschenkritualen. Bedeutung wurde entkoppelt von Religion und Geschichte. Nach dem Ende des Sozialismus kehrte Weihnachten zurück, doch nicht einfach in seiner alten Form. Es kehrte in eine Gesellschaft zurück, die sich kulturell neu orientierte.
Mit der Öffnung Bulgariens kamen westliche Bilder, Filme, Werbung und Konsumkultur. Der westliche Weihnachtsmann hielt Einzug, visuell fast unverändert übernommen, roter Mantel, Bart und Geschenke. Doch im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland oder den USA fehlte ihm hier die lange emotionale Verankerung, er wurde akzeptiert, aber nicht verinnerlicht. Er ist präsent, aber nicht zentral, für viele Bulgaren ist er ein bekanntes Bild, kein kultureller Bezugspunkt.
Im neuen Bulgarien existieren daher mehrere Ebenen gleichzeitig. Der religiöse Nikolaus lebt weiter, fest verankert in der orthodoxen Tradition. Die Koledari ziehen noch immer durch Dörfer und Städte. Dyado Mraz existiert in der Erinnerung, oft nostalgisch, manchmal kritisch und der westliche Weihnachtsmann funktioniert als globales Symbol, besonders im urbanen Raum und in der Werbung.
Diese Gleichzeitigkeit ist kein Mangel, sondern Ausdruck einer besonderen kulturellen Erfahrung. Der Weihnachtsmann ist in Bulgarien kein dominierender Mythos, sondern ein Import, der sich einfügt, ohne alles zu verdrängen. Er ist weniger Identität als Oberfläche, weniger Herkunft als Gegenwart. Seine Bedeutung entsteht nicht aus Tiefe, sondern aus Nutzung.
Gerade deshalb ist seine Rolle für moderne Bulgaren ambivalent. Er steht nicht für Glauben, nicht für Tradition, nicht einmal zwingend für Familie, er steht für Anschluss an eine globale Kultur, für Teilhabe an einem Bild, das überall verstanden wird. Gleichzeitig bleibt er austauschbar, er trägt keine Last der Geschichte, aber auch kein Versprechen von Beständigkeit.
Der Blick auf Bulgarien zeigt etwas Grundsätzliches. Der Weihnachtsmann ist keine universelle Figur mit universeller Bedeutung, er funktioniert dort am stärksten, wo er über Generationen hinweg erzählt wurde. Wo diese Erzählung fehlt, wird er zur Oberfläche, zu einem Zeichen ohne Tiefe, aber mit Reichweite.
In Bulgarien ist der Weihnachtsmann deshalb weniger Mythos als Symptom, er zeigt, wie Gesellschaften mit Brüchen umgehen. Wie alte Rituale weiterleben, während neue Bilder dazukommen und wie kulturelle Figuren nicht einfach übernommen werden, sondern immer erst verhandelt werden müssen. Genau darin liegt seine eigentliche Bedeutung. Nicht als Figur der Vergangenheit, sondern als Spiegel einer Geschichte, die nie abgeschlossen ist.
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