Der Weihnachtsmann – 1700 Jahre Geschichte hinter Bart und rotem Mantel
Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich Weihnachten erklären oder verteidigen will, mich interessiert nur die Figur selbst. Der Weihnachtsmann, woher er wirklich kommt, warum er so aussieht, wie er aussieht und weshalb sich um kaum eine andere Gestalt so viele falsche Gewissheiten angesammelt haben. Wenn man den ganzen Zuckerguss einmal abkratzt, bleibt etwas Erstaunliches übrig, eine der langlebigsten Kulturfiguren der westlichen Welt.
Der Anfang liegt weit entfernt von Rentieren, Schlitten und Nordpol, er liegt im 4. Jahrhundert, im östlichen Mittelmeerraum, bei einer realen historischen Person. Nikolaus von Myra war Bischof in einer Zeit, in der Christentum noch keine bequeme Mehrheitsreligion war. Über ihn ist nicht alles sicher belegt, aber genug um ihn von einer Legende zu unterscheiden. Er galt als kompromisslos hilfsbereit, besonders gegenüber Kindern und Armen. Sein Ruf gründete sich weniger auf Predigten als auf Taten. Entscheidend ist dabei ein Motiv, das sich bis heute hält, das heimliche Geben. Hilfe ohne Publikum, ohne Dank, ohne Inszenierung.
Nach seinem Tod begann die eigentliche Verwandlung, Nikolaus wurde verehrt, gefeiert und regional angepasst. Sein Gedenktag am 6. Dezember entwickelte sich zum Anlass für Geschenke, zunächst für Kinder. Über Jahrhunderte blieb er als kirchliche Figur sichtbar. Mit Mitra, Bischofsstab und klarer moralischer Botschaft. Bravsein wurde belohnt, Fehlverhalten sanktioniert. Diese Verbindung aus Fürsorge und Kontrolle war typisch für vormoderne Gesellschaften.
Mit der Zeit zerfiel diese Figur in verschiedene regionale Varianten. In den Niederlanden wurde aus Nikolaus Sinterklaas, in England entstand Father Christmas. Letzterer hatte bereits kaum noch religiöse Bezüge, er stand weniger für Moral als für Festlichkeit, Überfluss und Wintertraditionen. In Mitteleuropa existierten beide Figuren nebeneinander, der kirchlich geprägte Nikolaus und der zunehmend weltliche Weihnachtsmann. Diese Trennung ist wichtig, weil sie zeigt, dass der Weihnachtsmann nicht einfach eine moderne Erfindung ist, sondern das Ergebnis einer langen Abspaltung.
Der entscheidende Umbruch kam mit der europäischen Auswanderung nach Amerika. Dort trafen unterschiedliche Traditionen aufeinander und wurden neu zusammengesetzt. Aus Sinterklaas wurde Santa Claus, der Name blieb, die kirchliche Identität verschwand. Amerika hatte wenig Interesse an Heiligenverehrung, aber großes Interesse an verständlichen, funktionalen Symbolen. Der Weihnachtsmann wurde zu einer neutralen Figur, frei von Konfession, frei von Dogma. Er war kein Heiliger mehr, sondern ein kultureller Akteur.
Sein Aussehen war zunächst alles andere als einheitlich, mal dünn, mal kräftig, mal streng, mal verspielt. Erst im 19. Jahrhundert begann sich ein klares Bild durchzusetzen. Eine Schlüsselrolle spielte Thomas Nast. Ab 1863 zeichnete er für Harper’s Weekly eine Figur, die den Weihnachtsmann dauerhaft prägte. Nast machte aus Santa einen rundlicheren, freundlicheren Mann, gab ihm einen festen Wohnort am Nordpol, eine Werkstatt, eine klare Aufgabe und ein wiederkehrendes Erscheinungsbild. Er verwandelte eine diffuse Figur in eine erkennbare Persönlichkeit.
Der Nordpol war dabei kein romantisches Detail, sondern eine funktionale Entscheidung. Ein Ort ohne Nation, ohne Politik, ohne Besitzanspruch. Der Weihnachtsmann gehört niemandem, weil er von nirgendwo kommt. Diese Idee machte ihn universell. Er war nicht amerikanisch, nicht europäisch, nicht religiös, er war einfach da.
Ein besonders hartnäckiger Mythos behauptet, der Weihnachtsmann sei eine Erfindung von Coca-Cola, das ist falsch, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Coca-Cola hat den Weihnachtsmann nicht geschaffen, aber sein Aussehen global standardisiert. Ab 1931 zeichnete Haddon Sundblom für die Weihnachtskampagnen des Unternehmens einen Santa, der bis heute als Referenz gilt. Kräftig gebaut, roter Mantel, weißer Bart, freundliches Gesicht. Entscheidend war nicht die Farbe, sondern die Konsequenz. Dieser Weihnachtsmann sah jedes Jahr gleich aus und genau das brannte sich weltweit ein.
Sundbloms Version war kein Märchenwesen mehr, sondern bewusst menschlich. Er schwitzte, lachte, wirkte müde, aß, trank, das machte ihn greifbar. Frühere Darstellungen wirkten oft karikaturenhaft oder abstrakt. Dieser Weihnachtsmann hingegen hätte theoretisch durch jede Haustür gepasst, das war neu und wirksam.
Auffällig ist, dass der Weihnachtsmann seitdem kaum verändert wurde. Er altert nicht, modernisiert sich nicht, wird nicht ironisch dekonstruiert. In einer Kultur permanenter Erneuerung ist das ungewöhnlich, seine Stabilität ist Teil seiner Funktion. Er steht für Verlässlichkeit, Wiederholung, Erwartung. Nicht als Glaubensfigur, sondern als Ritual.
Viele dunklere Begleitfiguren früherer Zeiten sind verschwunden. Knecht Ruprecht, Krampus und andere strafende Elemente wurden im Laufe der Zeit ausgeblendet. Der moderne Weihnachtsmann kennt keine Sanktionen mehr, er belohnt, aber er bestraft nicht. Auch das ist kein Zufall, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen. Angst als Erziehungsinstrument wurde ersetzt durch positive Verstärkung.
Am Ende bleibt eine nüchterne Feststellung. Der Weihnachtsmann ist weder ein uralter Gott noch eine reine Werbefigur, er ist das Ergebnis von fast 1700 Jahren kultureller Umformung. Eine Figur, die sich immer wieder angepasst hat, ohne vollständig zu verschwinden. Vom historischen Bischof zum kirchlichen Geschenkbringer, vom moralischen Wächter zur weltlichen Symbolfigur, vom regionalen Brauch zur globalen Ikone.
Wer den Weihnachtsmann auf Konsum reduziert, verkennt seine Geschichte, wer ihn romantisiert, ebenso. Er ist kein Beweis für irgendetwas und kein Argument für irgendetwas. Er ist ein kulturelles Produkt, das erstaunlich präzise zeigt, wie Gesellschaften mit Moral, Geben, Kindheit und Tradition umgehen.
Der Weihnachtsmann ist keine Wahrheit und keine Lüge. Er ist eine Erzählung, die sich bewährt hat und genau deshalb existiert sie bis heute.



