Brüssel brennt

Brüssel brennt – und die Medien löschen das Bild

Was in Brüssel passiert, ist nicht nur ein politischer Konflikt, es ist ein mediales Lehrstück darüber, wie Wirklichkeit entschärft wird, damit sie keine Wirkung entfaltet. Tränengas, Wasserwerfer, blockierte Straßenzüge, brennende Barrikaden, tausende Traktoren im Regierungsviertel, das alles findet statt. Sichtbar, dokumentiert, von Augenzeugen, internationalen Agenturen und sozialen Netzwerken und doch bleibt es in Deutschland erstaunlich leise. Nicht zufällig leise, sondern gezielt leise.

Denn während in Brüssel faktisch der Ausnahmezustand herrscht, findet das Thema in deutschen Leitmedien meist nur als Randnotiz statt, Kurzmeldungen und Agenturtexte ohne Bilder. Überschriften, die von „angespannten Lagen“ sprechen, wo Eskalation stattfindet. Von „Bauernprotesten“, wo es sich längst um eine offene Konfrontation zwischen wirtschaftlicher Existenz und politischer Ideologie handelt.

Keine Sondersendungen, keine Live-Schalten. Keine dramatischen Bilder in der Primetime, kein Vergleich zu der medialen Dauerbeschallung, die andere Proteste erfahren haben, selbst dann wenn sie zahlenmäßig deutlich kleiner waren. Wer wissen will, wie man Aufstände entkernt, muss sich nur anschauen, wie man sie unsichtbar macht.

Die Mechanik ist simpel, man fragmentiert das Geschehen. Ein Bericht hier, ein Absatz dort, möglichst ohne Kontext. Möglichst ohne Größenordnung, möglichst ohne das entscheidende Bild, Traktoren vor dem Machtzentrum der EU. Denn dieses Bild ist gefährlich, es erzählt eine Geschichte die sich nicht mehr kontrollieren lässt. Die Geschichte, dass Widerstand funktioniert, dass man Brüssel lahmlegen kann, dass politische Entscheidungen nicht sakrosankt sind.

Stattdessen wird das Geschehen semantisch entschärft, aus Eskalation wird „angespannte Stimmung“. Aus systemischem Protest wird „Unzufriedenheit einzelner Gruppen“. Aus Existenzangst wird „Sorge um Wettbewerbsfähigkeit“. Das Vokabular ist kein Zufall, sprache ist hier das erste Mittel der Kontrolle.

Besonders auffällig ist der Vergleich. In Frankreich wären solche Bilder eine Dauerschleife, in Italien ein politischer Erdrutsch, in Polen ein innenpolitischer Ausnahmezustand. In Deutschland hingegen schafft es das Thema oft nicht einmal in die Hauptnachrichten. Man erfährt davon zwischen Promi-Meldungen, Sport und Wetter, beiläufig, entschärft und entpolitisiert.

Das hat einen Grund, Proteste sind ansteckend. Sie wirken nicht durch Argumente, sondern durch Sichtbarkeit. Wer sieht, dass Bauern aus mehreren Ländern gemeinsam auftreten, organisiert, entschlossen, konfliktbereit, der beginnt zu rechnen. Nicht nur ökonomisch, sondern politisch. Genau diese Rechnung soll verhindert werden.

Denn die deutsche Öffentlichkeit gilt noch als kalkulierbar, als bereit Belastungen zu akzeptieren, solange sie moralisch gerahmt werden und als empfänglich für das Narrativ der notwendigen Opfer. Der deutsche Bauer soll nicht blockieren, sondern anpassen, nicht eskalieren sondern transformieren, nicht protestieren sondern verstehen. Dass andere Länder diese Logik nicht übernehmen, passt schlecht ins Bild.

Das Mercosur-Abkommen ist dabei der eigentliche Brandbeschleuniger. Die Medien berichten darüber abstrakt, technokratisch, verharmlosend. Freihandel, Chancen, Wachstum, kaum ein Wort über die realen Produktionsbedingungen. Kaum ein Vergleich der Standards, kaum eine Rechnung darüber, was es bedeutet, wenn europäische Landwirte mit Auflagen erdrückt werden, während gleichzeitig Produkte importiert werden, die genau diese Auflagen systematisch unterlaufen.

Und genau hier wird die mediale Doppelmoral greifbar. Klimaschutz wird zur Schlagzeile, solange er moralisch verwertbar ist. Sobald er ökonomisch unbequem wird, verschwindet er aus der Berichterstattung. Rodung ist schlimm, solange sie symbolisch passt. Wenn sie Teil eines Handelsabkommens ist, wird sie zum Fußnotenproblem. Der CO₂-Fußabdruck verschwindet nicht, er wird redaktionell ausgelagert.

Dass Frankreich offen blockiert, wird in Deutschland oft als Egoismus oder Nationalismus dargestellt. Dass deutsche Interessen kaum noch offensiv vertreten werden, gilt hingegen als moralische Reife. Das ist keine Analyse, das ist Selbsttäuschung. Ein Land ohne Bauern ist kein Vorbild, sondern abhängig. Ökonomisch, strategisch, politisch.

Die Medien spielen in diesem Spiel eine zentrale Rolle, nicht weil sie gesteuert würden, sondern weil sie Teil desselben Milieus sind. Gleiche Denkrahmen, gleiche moralischen Setzungen, gleiche Abwehr gegen Bilder, die diese Setzungen infrage stellen. Man muss nichts verbieten, um etwas verschwinden zu lassen. Es reicht, es klein zu machen.

Der eigentliche Skandal ist deshalb nicht der Traktor vor dem EU-Parlament. Der Skandal ist die mediale Entscheidung, dieses Bild nicht wirken zu lassen. Denn nichts fürchtet das politische Establishment mehr als eine Öffentlichkeit, die erkennt, dass Protest nicht nur möglich, sondern wirksam ist und nichts ist gefährlicher als ein Beispiel, das Schule machen könnte.

Brüssel brennt, icht nur politisch, sondern symbolisch und während andere Länder hinschauen, rechnet und reagieren wird in Deutschland das Licht gedimmt. Damit niemand auf die Idee kommt, dass man sich auch hier fragen könnte, wo eigentlich die Grenze verläuft und was passiert, wenn man sie überschreitet.

Das ist keine Nachlässigkeit, das ist Strategie.

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