Berlin, was ist aus dir geworden – Wie eine Stadt ihre Menschen verloren hat und sich selbst gleich mit
Als ich 1984 nach Berlin kam, kam ich aus einer Kleinstadt in Niedersachsen, die Lehre lag hinter mir, Arbeit gab es keine, perspektiven auch nicht. Berlin dagegen suchte Fachkräfte und tat etwas dafür, dass man kam. Das war keine Worthülse, das war gelebte Realität, es gab möblierte kleine Wohnungen, teuer, ja, aber sofort beziehbar. Kein monatelanges Betteln, keine absurden Hürden, das Arbeitsamt zahlte den Umzug, regelte die Formalitäten, machte den Start möglich. Die Stundenlöhne lagen deutlich über dem, was ich aus Niedersachsen kannte, dazu kam die Berlinzulage. Kein symbolischer Betrag, sondern echtes Geld. Für mich war das eine Oase, eine offene, große und aufregende Stadt, die mir etwas anbot und nicht nur etwas versprach.
Berlin war damals ein Gegenentwurf zu dem Leben, das ich bis dahin kannte, nicht spießig, nicht eng, nicht ständig kontrollierend. Nachtleben, Größe, Offenheit, alles war neu, alles war möglich. Ich wollte alles erleben ich hatte Arbeit, konnte genießen, ausprobieren, leben. Ich war jung, unabhängig und neugierig. Ich lernte schnell eine Frau kennen, lebte mehrere Jahre mit ihr zusammen. Beruflich veränderte sich vieles, oft, manchmal hart, aber immer lehrreich. Diese Jahre haben mich geprägt, bis heute. Ich möchte nichts davon missen, nichts anders machen, Berlin war damals ein Versprechen, das tatsächlich eingelöst wurde.
Doch in den Neunzigern begann sich die Stadt zu verändern, nicht plötzlich, nicht dramatisch, sondern schleichend. Nach dem Mauerfall kam der Rausch, die Selbstüberschätzung, das politische Größenexperiment. Berlin wollte alles sein und verlor dabei das Wesentliche. Realität wurde lästig, Ordnung verdächtig, Verantwortung verhandelbar. Probleme galten nicht mehr als etwas, das man lösen muss, sondern als etwas, das man sprachlich entschärft. Wer darauf hinwies, störte, wer widersprach war rückständig. Die Stadt begann, sich selbst systematisch zu untergraben.
Ab 2006 arbeitete ich im öffentlichen Dienst, als Linienbusfahrer im Schichtdienst. Ich war draußen, täglich, überall, nicht aus sicherer Distanz, sondern mitten drin. Ich sah Berlin nicht aus politischen Papieren oder journalistischen Kommentaren, ich sah es im Alltag, in allen Bezirken, zu allen Uhrzeiten. Ich sah, wie der öffentliche Raum verlotterte, wie Rücksicht verschwand, wie Aggression normal wurde. Ich sah Elend, Wahnsinn und Menschen, die keinen Respekt mehr vor irgendetwas hatten und ich sah eine Politik, die wegschaut, relativiert, beschwichtigt.
Der Verfall dieser Stadt ist keine Meinung, er ist Erfahrung. Ich habe ihn fast fünfzehn Jahre lang jeden Tag gesehen, hinter den Kulissen. Ich sah eine kopflose Regierung, einen Senat, der Entscheidungen traf, die zuverlässig Schaden anrichteten. Entscheidungen ohne Realitätssinn, ohne Folgenabschätzung, ohne Verantwortung. Alles wurde ideologisch überhöht und praktisch kaputtgemacht. Verwaltung kollabierte, Sicherheit wurde relativiert, Ordnung als Zumutung dargestellt. Wer funktionierte, war der Dumme, wer sich danebenbenahm, wurde erklärt, geschützt oder entschuldigt.
Gesellschaftlich wurde es immer toxischer. Respektlosigkeit, Anspruchsdenken, permanente Opferhaltung, Regeln galten selektiv. Der öffentliche Raum wurde zur Kampfzone, während Politik und Medien erklärten, warum man das alles aushalten müsse. Berlin begann, seine eigenen Leistungsträger zu verachten. Die, die morgens aufstehen, arbeiten, den Laden am Laufen halten. Ab 2015 kippte für mich endgültig alles. Es herrschte nur noch Kontrollverlust, Realitätsverweigerung, moralische Selbstüberhöhung. Niemand steuerte mehr, es wurde nur noch gerechtfertigt.
Irgendwann 2018 kam der endgültige Bruch, mit Berlin und mit Deutschland. Ich wollte das nicht mehr, es macht krank, das alles zu sehen. Jeden Tag gefangen im Hamsterrad, gezwungen mitzumachen, kontrolliert, fremdbestimmt. Andere entscheiden, andere setzen Regeln, andere erklären dir, warum du dich damit abzufinden hast und du kannst nichts ändern, du bist ausgeliefert. Das war nicht mehr mein Leben, das war ein System, das mich krank machte.
Dann kam Bulgarien ins Spiel, für mich und meine Frau. Ausgelöst durch Auswandererdokumentationen im Fernsehen, natürlich immer schön negativ geframt vom deutschen Fernsehen, mit Menschen, die schon in Deutschland gescheitert waren. Nicht, weil sie Deutschland satt hatten oder frei sein wollten, sondern weil das Geld nicht reichte. Kleine Renten, große Illusionen vom billigen Leben. Genau dieses Bild wurde transportiert, Abschreckung statt Wahrheit.
Unsere Entscheidung hatte damit nichts zu tun, wir sind nicht wegen Geld gegangen, uns ging es nicht schlecht. Wir sind gegangen, weil wir dieses Land, dieses System, diese Dauerbelehrung und diese Verlogenheit satt hatten. Wir wollten raus, wieder atmen können und wieder selbst bestimmen. Wieder Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen, statt uns permanent erklären zu lassen, warum alles alternativlos ist.
Das hier ist kein Fluchtbericht, es ist ein Schlussstrich. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe es gesehen, jahrzehntelang. Berlin war einmal eine Stadt der Möglichkeiten, heute ist sie ein Mahnmal für Selbsttäuschung und politischen Realitätsverlust. Mein Bruch war kein Unfall, er war überfällig und er war die beste Entscheidung meines Lebens.
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