Monarchie bulgarien

Die vergessene Krone – Warum Bulgariens Monarchie bis heute stört und was ihr Verschwinden über das Land verrät

Bulgarien wird heute gern als junges EU-Mitglied betrachtet, als postsowjetischer Nachzügler oder als Balkanrand mit komplizierter Vergangenheit. Was dabei fast vollständig unter den Tisch fällt, ist ein Kapitel, das nicht nur unbequem ist, sondern das gängige Selbstbild frontal stört. Bulgarien war eine Monarchie, nicht kurz, nicht zufällig und nicht folkloristisch, sondern als bewusste politische Entscheidung mit klaren europäischen Ambitionen. Dass dieses Kapitel heute so blass, verzerrt oder gar nicht mehr präsent ist, sagt weniger über die damalige Zeit aus als über den heutigen Umgang mit Geschichte.

Nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft entschied sich Bulgarien nicht für revolutionäre Romantik oder nationale Abschottung, sondern für ein westlich geprägtes Staatsmodell. Mit Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha kam ein Herrscher ins Land, der tief im europäischen Hochadel verwurzelt war und Bulgarien strategisch auf die politische Landkarte bringen wollte. Diese Monarchie war kein dekorativer Überbau, sondern ein Werkzeug zur Staatsbildung, zur diplomatischen Anerkennung und zur Emanzipation von fremder Kontrolle. 1908 erklärte Ferdinand die volle Unabhängigkeit und machte Bulgarien zum Königreich, das war Machtpolitik, kein Theater.

Unter Boris III. wurde dieses Projekt ambivalent und gefährlich zugleich. Bulgarien bewegte sich in einem Europa, das zwischen Ideologien zerbrach. Bündnisse wurden aus Zwang geschlossen, moralische Entscheidungen unter Druck gefällt. Boris III. war kein sauberer Demokrat und kein romantischer Held, aber auch kein bloßer Befehlsempfänger. Die Weigerung, die bulgarischen Juden zu deportieren, steht neben der faktischen Allianz mit Nazi-Deutschland. Dieser Widerspruch ist schwer auszuhalten und genau deshalb wird er bis heute gern vereinfacht oder verschwiegen. Doch Geschichte, die man nur erträgt, wenn sie glattgebügelt ist, taugt nicht zur Selbstaufklärung.

Der eigentliche Schnitt kam nicht durch gesellschaftliche Reife oder offene Debatte, sondern durch Gewalt von außen. Mit dem Einmarsch der Roten Armee 1944 wurde die Monarchie systematisch zerstört. Das Referendum von 1946 war politisch entschieden, bevor es begann. Die neue Ordnung hatte kein Interesse an Grauzonen. Die Monarchie musste nicht nur verschwinden, sie musste delegitimiert werden. Paläste wurden umfunktioniert, Namen gelöscht, Zusammenhänge gekappt. Geschichte wurde nicht erklärt, sondern ersetzt.

Was bis heute nachwirkt, ist diese Leerstelle. Die Monarchie erscheint in der öffentlichen Wahrnehmung als Übergangsphase oder Kuriosum, manchmal als peinlicher Vorraum vor dem vermeintlich unvermeidlichen Sozialismus. Das ist bequem und falsch, denn ohne dieses Kapitel lässt sich weder Bulgariens frühe Modernisierung noch sein späteres ideologisches Abrutschen wirklich verstehen. Die monarchische Phase war eine Zeit eigenständigen Handelns, Fehler inklusive. Eigenständigkeit bedeutet Verantwortung und genau diese Verantwortung passt schlecht in ein nationales Narrativ, das sich lieber als dauerhaftes Opfer fremder Mächte begreift.

Besonders entlarvend war die Rückkehr Simeon II. Jahrzehnte später, ein ehemaliger Zar, demokratisch gewählter Ministerpräsident einer Republik. Ein historischer Ausnahmefall, der eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung hätte erzwingen müssen. Stattdessen wurde das Ereignis pragmatisch abgewickelt. Wahl gewonnen, Amtszeit vorbei, Thema erledigt. Wieder eine verpasste Gelegenheit, sich ehrlich mit den eigenen Brüchen auseinanderzusetzen.

Das heutige Geschichtsvergessen ist kein Zufall, sondern ein stilles Erbe der ideologischen Abrissbirne nach 1944. Geschichte wird bis heute nach politischer Verwertbarkeit sortiert, was nicht ins einfache Raster passt, wird verkleinert, entschärft oder ignoriert. Doch genau dort, in den Ambivalenzen der Monarchie, liegen die Schlüssel zum Verständnis vieler heutiger Widersprüche. Das gespannte Verhältnis zu Europa, die gleichzeitige Sehnsucht nach Anerkennung und Misstrauen gegenüber Institutionen, das Bedürfnis nach starker Führung bei schwacher historischer Selbstverortung.

Bulgarien braucht keine neue Krone und keinen nostalgischen Monarchismus, was es braucht, ist historische Ehrlichkeit. Die Monarchie war ein Teil der nationalen Selbstbehauptung, mit Ambitionen, Fehlentscheidungen und tragischen Konsequenzen. Wer diesen Teil verdrängt, versteht das Land nur oberflächlich, wer ihn ernst nimmt, erkennt, dass Bulgarien mehr war als Sozialismus, mehr als Folklore und mehr als das, was heute bequem erzählt wird. Geschichte verschwindet nicht, nur weil man wegschaut, sie wirkt weiter, leise, hartnäckig und unerbittlich.

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