Bulgarien und kino

Bulgarien im Schatten der Leinwand – Wie ein stilles Land Weltkino formt

Bulgarien taucht in der globalen Filmgeschichte meist nur am Rand auf, wenn überhaupt, dann als billiger Drehort, als osteuropäische Kulisse für austauschbare Actionware. Dieses Bild ist bequem, aber falsch. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Land, das seit Jahrzehnten still und zuverlässig an internationalen Blockbustern mitarbeitet und zwar nicht nur mit Landschaften und Studios, sondern mit Handwerk, Know how und Menschen, deren Namen nie im Abspann stehen und die trotzdem Weltkino geprägt haben.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen, das trotzdem kaum jemand einordnet. In Bulgarien wurden nicht einfach ein paar Szenen gedreht, sondern ganze Filmwelten gebaut. Die Nu Boyana Film Studios in Sofia gehören seit Jahren zu den wichtigsten Produktionsstandorten Europas. Hier entstanden Teile von Produktionen wie Troy mit Brad Pitt, 300 Rise of an Empire, The Expendables mit Stallone, Statham und Schwarzenegger, Rambo Last Blood, Hellboy, Hitman, London Has Fallen und unzählige weitere internationale Filme. Das Entscheidende ist nicht die bloße Liste der Titel, sondern der Umfang der Arbeit. In Bulgarien wurden nicht nur Außenaufnahmen gemacht, sondern Sets entworfen, Städte nachgebaut, Schlachten choreografiert, Stunts entwickelt und komplette visuelle Welten erschaffen.

Warum Bulgarien. Die übliche Antwort lautet Kosten, aber sie greift zu kurz, der eigentliche Grund ist Verlässlichkeit. Bulgarische Crews gelten in der Branche als extrem belastbar, lösungsorientiert und handwerklich präzise. Es gibt wenig Allüren, wenig Ego, dafür viel Praxis. Wenn ein Set über Nacht umgebaut werden muss, passiert das. Wenn ein Drehplan kollabiert, wird improvisiert, diese Kultur ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer langen Tradition technischer Ausbildung, kombiniert mit der Erfahrung aus sozialistischen Großprojekten, bei denen Effizienz und Improvisation überlebenswichtig waren.

Besonders faszinierend wird es dort, wo das Rampenlicht endgültig aufhört. Einer der bemerkenswertesten, fast unbekannten Aspekte der bulgarischen Filmgeschichte ist das individuelle Handwerk hinter ikonischen Figuren. In Sofia gibt es tatsächlich einen Schuhmacher, der über Jahre hinweg Spezialschuhe für internationale Filmproduktionen gefertigt hat. Keine Massenware, keine Requisiten von der Stange, sondern maßgefertigte Schuhe für Charaktere. Für historische Epen, Fantasyfiguren, Krieger, Söldner, Könige. Schuhe, die im Film oft nur Sekunden zu sehen sind, aber Bewegungsabläufe, Haltung und Präsenz einer Figur maßgeblich beeinflussen.

Solche Handwerker arbeiten im Verborgenen, sie sprechen selten darüber, für wen sie gearbeitet haben, nicht aus Geheimniskrämerei, sondern aus Professionalität. Viele dieser Aufträge unterliegen strengen Verträgen, was bleibt, ist die stille Gewissheit, dass ein Stück Weltkino buchstäblich aus bulgarischem Leder besteht. Diese Ebene des Filmschaffens wird fast nie erzählt, obwohl sie entscheidend ist. Ohne funktionierende, glaubwürdige Details zerfällt jede noch so teure Illusion.

Bulgarien profitiert dabei von einer besonderen Mischung. Das Land kann römisch, mittelalterlich, osmanisch, postapokalyptisch und modern zugleich sein. Innerhalb weniger Kilometer wechseln Landschaften, Baustile und Atmosphären. Für Regisseure ist das ein Traum. Für Produzenten ein logistischer Jackpot. Für das Land selbst ist es eine paradoxe Situation. Bulgarien ist überall im Kino präsent und gleichzeitig unsichtbar. Städte spielen andere Städte, Landschaften spielen andere Länder, Bulgarien spielt die Welt und bleibt selbst namenlos.

Ein weiterer unterschätzter Faktor ist die Ausbildung. Bulgarische Stuntleute, Waffenmeister, Pyrotechniker und Setbauer genießen international einen hervorragenden Ruf. Viele von ihnen arbeiten regelmäßig an Produktionen, die ein weltweites Millionenpublikum erreichen. Trotzdem kennt man ihre Namen kaum. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer Arbeitskultur, die Leistung nicht über Selbstinszenierung definiert. Während anderswo Filmproduktionen von PR begleitet werden, läuft vieles in Bulgarien pragmatisch und still ab.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Besonderheit. Bulgarien hat nie versucht, sich als glamouröse Filmnation zu verkaufen, es hat einfach gearbeitet, gedreht, gebaut und geliefert. Ohne großes Narrativ, ohne nationale Mythenbildung. Das Land ist zu einem unsichtbaren Rückgrat des internationalen Action und Genrefilms geworden. Ein Ort, an dem Helden geboren werden, ohne dass jemand hinsieht.

Wer beim nächsten Blockbuster genauer hinschaut, sieht Bulgarien vielleicht plötzlich überall. In der Textur eines Marktplatzes, im Staub einer Schlacht, im Gang eines Kriegers, dessen Schuhe in einer kleinen Werkstatt in Sofia gefertigt wurden. Weltkino entsteht nicht nur in Hollywood, es entsteht auch dort wo niemand klatscht.

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