Weihnachten

Weihnachten im schönen Licht  und die Frage, was uns darin noch berührt

Ich mochte den Glanz immer, die Lichter, die Ruhe am Abend, dieses kurze Gefühl, dass die Welt für einen Moment stiller sein könnte, daran habe ich mich nie gestört. Aber der Sinn des Weihnachtsfestes selbst ist mir schon in meinem eigenen Heranwachsen abhandengekommen, vielleicht, weil ich früh gespürt habe, dass hinter all den Ritualen etwas fehlt. Vielleicht, weil das, was angeblich gefeiert wird, schon lange nicht mehr mit dem übereinstimmt, was Menschen wirklich tun. Wenn dieses Fest irgendwann wieder ein Ort echter Besinnlichkeit und echter Dankbarkeit würde, wäre ich der Letzte, der sich dem verschließt, dann würde ich es feiern, ohne Zynismus, ohne Distanz. Doch solange es nur eine sorgfältig dekorierte Kulisse bleibt, zelebrieren meine Frau und ich lieber das, was für uns Sinn ergibt, gute Tage, gutes Essen und gute Gespräche. Ohne Masken, ohne Erwartungsdruck, ohne ein Fest, das sich selbst nicht mehr erklären kann.

Es ist der Moment im Jahr, in dem eine Gesellschaft versucht, sich selbst zu überlisten. Die Straßen glänzen, die Musik lullt ein, die Menschen geben sich Mühe, weich zu wirken. Es ist die Zeit, in der alles nach Frieden riechen soll, obwohl jeder spürt, dass dieser Frieden künstlicher nicht sein könnte. Unter der Oberfläche flackert ein Fest, das längst nicht mehr das ist, was es vorgibt zu sein. Doch wir halten an der Fassade fest, weil sie einfacher zu ertragen ist als die Wahrheit. Die Wahrheit, dass dieses Fest zu einem Spiegel geworden ist, in dem wir uns selbst nicht mehr erkennen wollen.

Man muss nur kurz stehenbleiben und die Szenerie betrachten. Die Lichterketten hängen wie eine kosmetische Reparatur über einer Welt, die das ganze Jahr über keinen Platz für echte Nähe findet. Menschen reden plötzlich von Besinnlichkeit, obwohl sie sich elf Monate lang nicht einmal besinnen wollen, dass auch andere existieren. Die angebliche Wärme ist ein Requisit, das immer dann hervorgeholt wird, wenn man sich für einen Moment menschlicher fühlen möchte, ohne den Preis dafür zu zahlen. Im Dezember geht alles leichter, weil es gesellschaftlich erlaubt ist, kurz so zu tun, als wäre man ein besserer Mensch.

Doch die Wahrheit ist, dass das moderne Weihnachten nichts mit Menschlichkeit zu tun hat. Es ist ein logistischer Ausnahmezustand, ein choreografierter Konsumrausch, bei dem die Kreditkarten glühen und Paketzusteller ihre Knochen hinhalten, damit niemand auf seinen künstlichen Glücksmoment verzichten muss. Die Menschen schenken nicht, weil sie aus tiefem Gefühl handeln, sie schenken, weil sie nicht mehr wissen, wie man Zuneigung anders ausdrückt als über Gegenstände. Der eigentliche Mangel liegt in der Beziehung, nicht unter dem Baum.

Es ist grotesk, wie sich das Fest der Nähe zu einem Wettbewerb des Materiellen entwickelt hat. Eltern kaufen sich die Ruhe vor enttäuschten Kinderaugen, Partner kaufen sich die Illusion einer stabilen Beziehung, Freunde kaufen sich Loyalität. Die Industrie dreht derweil an den Stellschrauben unserer Sehnsüchte und treibt sie in die Sättigung. Jede Anzeige, jedes Werbevideo, jeder noch so lächerliche Claim ist darauf ausgelegt, Menschlichkeit mit Umsatz zu verwechseln und weil wir Mühe haben, die Leere auszuhalten, funktionieren wir wie vorgesehen. Es ist ein System, das niemand mehr hinterfragt, weil es bequem geworden ist, sich darin zu verlieren.

Diese Bequemlichkeit zeigt sich besonders deutlich im moralischen Ablasshandel des Advents, plötzlich wollen alle etwas Gutes tun. Ein paar Euro für eine Spendenbox, ein symbolischer Akt, der als Eintrittskarte ins eigene Wohlgefühl dient. Nicht aus Überzeugung, sondern aus dem Bedürfnis heraus, die innere Bilanz für das Jahr zu glätten. In Wirklichkeit ist es nichts weiter als die saisonale Beruhigung eines schlechten Gewissens, menschlichkeit als Limited Edition, die pünktlich zum Jahreswechsel wieder aus dem Sortiment genommen wird.

Dabei bräuchte es keine Mythen, keine religiösen Erzählungen und keine Engel aus Kunststoff, um diesem Fest eine Bedeutung zu geben. Es würde reichen, einen einzigen Moment lang zu begreifen, dass Menschlichkeit nicht kompliziert ist. Sie entsteht nicht durch Geld, nicht durch Geschenke, nicht durch Dekoration, sie entsteht durch Aufmerksamkeit, durch Rücksicht. Durch die Fähigkeit, sich selbst in den Hintergrund zu stellen, um jemand anderem Raum zu geben. Wenn es ein Fest geben sollte, das daran erinnert, dann wäre es dieses, ein Fest, das nicht gefeiert wird, weil es Tradition ist, sondern weil es ein seltenes Innehalten ermöglicht.

Doch wir leben in einer Welt, die mit echtem Innehalten nichts anfangen kann. Ein Weihnachten, das tatsächlich auf Menschlichkeit beruhen würde, wäre für viele kaum auszuhalten, es würde verlangen, die Masken abzunehmen, die man das Jahr über sorgfältig pflegt. Es würde verlangen, sich mit der eigenen Kälte auseinanderzusetzen, die meisten würden an diesem Anspruch scheitern. Wir haben uns an Oberflächen gewöhnt, an Rituale ohne Kern, an Gesten ohne Bedeutung. Ein wirklich menschliches Fest würde unsere ganze Verletzlichkeit freilegen, dafür sind wir nicht bereit.

Und trotzdem bleibt die Frage bestehen, ob es möglich wäre, den Blick wieder zu schärfen, ob es möglich wäre, dieses eine Fest nicht zu einem Crescendo des Konsums zu machen, sondern zu einem seltenen Moment der Klarheit. Vielleicht müsste man nur den Mut haben, die Leere zu benennen, statt sie jedes Jahr aufs Neue zuzukleistern. Vielleicht würde die Welt tatsächlich ein Stück besser, wenn wir aufhören würden, Aufmerksamkeit in Gegenstände umzuwandeln und stattdessen wieder anfangen würden, sie Menschen zu schenken.

Die eindringliche Wahrheit ist, dass Weihnachten uns nicht rettet, aber es könnte uns erinnern, wer wir sein könnten, wenn wir wollten. Es könnte ein Anstoß sein, die Welt nicht mit mehr Waren zu füllen, sondern mit mehr Wärme. Es liegt nicht an Engeln, nicht an Geschichten, nicht an Traditionen, es liegt an uns und so lange wir diesen einfachen Gedanken nicht begreifen wollen, feiern wir ein Fest, das wir nicht verdient haben.

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