30. November 2025
Clickbait

Clickbait und ihr fallt alle drauf rein – jeden verdammten Tag

Der Satz tut weh, aber er ist wahr, erwischt hat es euch längst, nicht nur einmal, nicht aus Versehen, sondern systematisch. Ihr klickt, ihr empört euch, ihr teilt, ihr regt euch auf, ihr fühlt euch „informiert“ und habt am Ende nichts als aufgepumpte Schlagzeilen im Kopf und ein paar neue Ängste im Bauch. Das Spiel ist alt, aber die Mechanik dahinter ist heute brutaler denn je, die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob es Clickbait gibt. Die entscheidende Frage lautet, wer verdient an diesem Scheiß, wer produziert ihn gezielt und warum funktioniert er immer noch so hervorragend.

Clickbait ist kein Unfall, keine Laune übermotivierter Praktikanten in Redaktionen, Clickbait ist ein Geschäftsmodell. Er ist die billige Droge, mit der man euch abhängig macht, um an eure Zeit, eure Aufmerksamkeit, eure Daten und letztlich euer Geld zu kommen. Die freundlichen Begriffe dafür heißen „Aufmerksamkeit“, „Reichweite“, „Engagement“. In Wirklichkeit geht es um exakt dasselbe wie bei jeder Sucht, mehr Konsum, weniger Kontrolle, maximale Ausbeute.

Die größten Nutznießer sitzen nicht in der Kommentarspalte, sondern in den Chefetagen. Große Medienhäuser, die ihre Onlineportale nicht mehr nach journalistischen Kriterien, sondern nach Klickzahlen steuern, Plattformen, die nichts selbst produzieren, aber an jedem eurer Klicks mitverdienen. Werbenetzwerke, die euch verfolgen wie ein Schatten und wissen wollen, worauf ihr reagiert, um euch gezielt den nächsten Köder vorzusetzen. Influencer und „Content Creator“, die gelernt haben, dass Qualität mühsam ist, während ein skandalträchtiger Satz im Thumbnail sofort die Kasse klingeln lässt. Alternative Medien, die behaupten, „aufzuklären“, in Wahrheit aber nur eine andere Sorte Klickdroge verkaufen, verpackt in Verschwörungsrhetorik.

Alle wollen dieselbe Ressource, euren Blick, eure Reaktion, euren Herzschlag, wenn ihr empört, wütend oder verängstigt seid, denn Gefühle klicken besser als Fakten.

Früher musste man als Zeitung wenigstens noch einen halbwegs soliden Inhalt liefern, weil die Leser zur Kasse gebeten wurden, heute bezahlen viele von euch nicht mehr mit Geld, sondern mit Aufmerksamkeit. Ihr seid das Produkt, je länger ihr kleben bleibt, je öfter ihr euch aufregt, je emotionaler ihr reagiert, desto wertvoller seid ihr, nicht als Mensch, sondern als Datensatz. Die Schlagzeile ist nicht dafür da, euch zu informieren, sondern euch zum Reflex zu provozieren. Klicken, teilen, kommentieren und noch ein Klick.

Die Akteure in diesem System sind zahlreicher, als euch lieb sein dürfte. Da sind die Redaktionen, die intern nach „Performance“ bewertet werden, Journalisten, die wissen, dass ein sauber recherchierter und sachlicher Artikel weniger Klicks bringt als eine hysterische Überschrift mit kaum Inhalt dahinter. Social Media Teams, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Empörungsspirale anzuheizen. Onlineportale, die mit „Sie werden nicht glauben, was dann geschah“ arbeiten, als wäre das eine legitime Erzählform und nicht reine Manipulation.

Dazu kommen Content-Farmen, die in Fließbandarbeit Artikel produzieren, die weder Substanz noch Haltung haben, aber perfekt auf Suchmaschinen und menschliche Reflexe optimiert sind. Algorithmen, die aus eurem Verhalten lernen und euch genau das vorsetzen, was euch wieder klicken lässt. Bots, die Trends simulieren, damit ihr denkt, „alle reden darüber“. Politische Akteure und Lobbygruppen, die sehr genau verstanden haben, dass man euch nicht überzeugen muss, wenn man euch spalten kann, Hauptsache ihr bleibt im Feuer der Emotionen.

Es ist ein Kreislauf, in dem jeder seinen Platz hat. Eine Überschrift, die nur aus einem halben Satz besteht und bewusst offen lässt, worum es eigentlich geht. Ein Vorschaubild, das dramatisiert, verzerrt, übertreibt. Ein Text, der so schwammig formuliert ist, dass ihr am Ende zwar emotional aufgeladen, aber inhaltlich kaum schlauer seid. Dazwischen Werbung, personalisiert, zielgruppengenau, auf euer Profil geschneidert.

Jetzt kommen wir zu dem Teil, der euch nicht gefallen wird, ihr seid nicht nur Opfer, ihr seid Mitspieler und ihr seid der Sauerstoff für dieses Feuer.

Ihr klickt auf „Skandal“, noch bevor ihr wisst, worum es geht. Ihr teilt Schlagzeilen, ohne den Artikel gelesen zu haben. Ihr verlasst euch auf einen Screenshot einer Überschrift, der aus dem Kontext gerissen ist, und diskutiert dann stundenlang darüber, wie schlimm „die da oben“ oder „die Medien“ geworden sind. Ihr stürzt euch auf jede Zuspitzung, jeden Skandal, jede vermeintliche Enthüllung, weil euch sachliche, nüchterne Information zu „langweilig“ vorkommt.

Clickbait funktioniert nicht trotz euch, er funktioniert wegen euch.

Die Branche reagiert nur auf Nachfrage. Wenn Artikel, die seriös informieren, untergehen, während jede reißerische Müllüberschrift durch die Decke geht, gewinnen immer diejenigen, die am schamlosesten zuspitzen. Es gewinnt, wer eure niedrigsten Reflexe am besten bespielt, wer euch Angst macht, wer euch in eure Vorurteile einwickelt, wer euch eine schnelle Empörung serviert, die ihr gemütlich auf dem Sofa konsumieren könnt.

Die Nutznießer sind deswegen auch nicht nur „die Medien“ im abstrakten Sinn. Es sind konkrete Gruppen, Vermarkter, die Werbeplätze verkaufen und sich freuen, wenn eine Explosion an Klicks die CPM nach oben treibt. Social Media Plattformen, die euren Datenverkehr in Geld verwandeln und jede Sekunde zählen, die ihr nicht offline seid. Unternehmen, die eure Aufregung nutzen, um euch gezielt Produkte zu präsentieren, die angeblich eure Angst, eure Wut, eure Unsicherheit dämpfen. „Du hast gerade einen Artikel über Krieg gelesen, hier ist ein Angebot für eine Reise, die du dir ohnehin nicht leisten kannst.“

Auch die „Aufklärer“ im alternativen Lager spielen mit, sie geißeln angeblich die Lügen der Mainstreammedien, arbeiten aber mit exakt den gleichen Tricks. Noch dramatischere Titel, noch härtere Begriffe, noch düsterere Andeutungen über „die da oben“, „das System“, „die Eliten“. Sie behaupten, euch zu befreien, in Wahrheit fesseln sie euch an eine andere Art von Empörung, die genauso süchtig macht und genauso klickgetrieben funktioniert. Sie leben von euren Klicks, euren Spenden, euren Abos, eurem Bedürfnis, zur „kleinen, wissenden Elite“ zu gehören.

Clickbait ist nicht nur eine Überschrift, Clickbait ist eine Kultur. Eine Kultur des ständigen Aufregens, der Dauerempörung, der Oberflächlichkeit. Eine Kultur, in der es nicht mehr darum geht, etwas zu verstehen, sondern darum, möglichst heftig zu reagieren.

Die Akteure wissen genau, was sie tun, sie kennen eure Trigger. Angst vor Unsicherheit, Wut auf vermeintliche Ungerechtigkeit, Neid auf Erfolg. Hass auf das Fremde, das Andere, das Unbekannte. Hoffnung auf einfache Lösungen in einer komplizierten Welt. All das sind ideale Hebel, um mit euch zu spielen. Jedes Ausrufezeichen in einer Überschrift ist ein kleiner Griff in eure Psyche. Jede dramatisierte Formulierung ist eine Einladung, die Vernunft kurz zu parken und sich der Emotion hinzugeben.

Die Schuld bei „den Medien“ abzuladen ist bequem, löst aber nichts, solange ihr jeden Tag aufs Neue auf denselben Köder anspringt, wird niemand dieses System freiwillig ändern. Warum auch, es ist profitabel, es funktioniert, es bringt Geld, Macht und Einfluss.

Wenn ihr wirklich wissen wollt, wer die Nutznießer dieses Systems sind, dann schaut in drei Richtungen, nach oben, zu den Konzernen und Plattformen, die aus eurer Aufmerksamkeit Kapital schlagen. Zur Seite, zu den Akteuren, die täglich Schlagzeilen, Thumbnails, Posts und „Breaking News“ so gestalten, dass ihr nicht nachdenken, sondern nur klicken sollt.

Ihr habt in diesem Spiel mehr Macht, als ihr glaubt, ihr entscheidet mit jedem Klick, was sich lohnt. Ihr entscheidet, ob der nüchterne, sauber recherchierte Artikel eine Chance bekommt oder ob ihr wieder dem nächsten schreienden Titel hinterherlauft. Ihr entscheidet, ob ihr die Quelle prüft, bevor ihr teilt, oder ob ihr einfach den Adrenalin-Kick jagt.

Wenn ihr wirklich aus diesem täglichen Betrug aussteigen wollt, dann müsst ihr euch anders verhalten als bisher. Schlagzeilen nicht mehr glauben, nur weil sie laut sind. Artikel nicht mehr teilen, die ihr nicht gelesen habt. Quellen hinterfragen, auch wenn sie eure Meinung bestätigen. Inhalte schließen, die euch nur hysterisch machen, ohne etwas zu erklären. Vielleicht sogar gelegentlich Medien unterstützen, die auf Clickbait verzichten und dafür weniger laut auftreten.

Solange ihr das nicht tut, bleibt der Deal derselbe. Sie liefern euch jeden Tag frischen Alarm, frische Erregung, frische Aufreger. Ihr liefert jeden Tag frische Klicks, frische Daten, frisches Geld, sie verdienen. Ihr verbrennt eure Zeit, eure Nerven, eure Fähigkeit, die Welt halbwegs klar zu sehen.

Clickbait ist nicht unschuldig, ihr aber auch nicht. Wenn ihr diesen Text bis hierhin gelesen habt, habt ihr immerhin für einen kurzen Moment nicht auf den nächsten Köder geklickt, vielleicht ist das ein Anfang.

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