Chengene Skele – das kleine Fischerdorf, das Burgas die Seele bewahrt
Wenn man von Burgas Richtung Sozopol fährt und kurz vor Rosenets zum Meer abbiegt, verändert sich die Welt, der Verkehrslärm bleibt zurück, der Blick wird weiter, und irgendwann tauchen am Horizont bunte Häuschen, Boote und Masten auf. Chengene Skele ist kein Retortenprojekt aus einem Reiseprospekt, sondern ein Ort, der nach Salz, Diesel, Fisch und Geschichten riecht. Ein kleines Fischerdorf, das sich seinen eigenen Takt bewahrt hat, trotzig und improvisiert und gleichzeitig voller Zärtlichkeit für die eigene Tradition.
Die Bucht von Chengene Skele war schon lange ein Arbeitsort für Fischer, bevor jemand auf die Idee kam, hier etwas mit dem Etikett Tourismus zu versehen. In der heutigen Form ist das Dorf ein Kind der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als der Hafen von Burgas ausgebaut wurde, mussten die kleinen Fischerboote weichen und wurden an den Rand gedrängt. Sie verlegten ihren Alltag in die geschützte Bucht südlich der Stadt, die nah genug war, um weiterhin den Markt von Burgas zu versorgen, und zugleich ruhig genug, um hier Boote festzumachen und Netze auszulegen. Es begann mit ein paar Schuppen und Bretterbuden, einfachen Stegen, provisorischen Wellenbrechern. Man nahm, was da war, Balken vom Bau, alte Fenster, Wellblech, und baute sich eine funktionierende Umgebung zum Arbeiten und Leben. Aus der Notlösung wuchs eine kleine Siedlung, aus der Siedlung ein Dorf, aus dem Dorf ein eigener Kosmos.
Offiziell war das alles lange eine Grauzone, die Hütten standen, die Boote fuhren, der Fisch wurde gefangen, aber auf dem Papier war vieles nicht geregelt. Wasserleitungen, Strom, Abwasser, Brandschutz, Naturschutz, all das passte nicht in vorgefertigte Formulare und Zuständigkeiten. Während Behörden über Zuständigkeiten und Vorschriften nachdachten, lösten die Menschen vor Ort ihre Probleme selbst. Sie zogen Leitungen, befestigten Wege, reparierten Stege, hielten den Betrieb am Laufen. Chengene Skele war kein romantisches Freilichtmuseum, sondern ein harter Arbeitsort, an dem nachts ausgelaufen und morgens abgeladen wurde, an dem Netze geflickt und Motoren auseinandergenommen wurden, an dem der Alltag nach Salzwasser und Maschinenöl roch.
Gerade diese Mischung aus Improvisation und Beharrlichkeit machte das Dorf lange zu einem Fremdkörper in der offiziellen Ordnung. Es war zu echt, um touristische Kulisse zu sein, und zu unordentlich, um als vorzeigbares Projekt zu gelten. Gleichzeitig ist hier ein Teil der Identität von Burgas zu Hause. Die kleinen Boote stehen für eine Fischerei, die nicht mit industriellen Fangflotten zu vergleichen ist, sondern mit Familien, die nachts hinausfahren, damit morgens frischer Fisch auf den Tellern der Region landet. Wo anders die Geschichte der Küste in Aktenordner und Verordnungen gepresst wird, blieb sie in Chengene Skele sichtbar, greifbar, manchmal auch sperrig.
Mit der Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass man dieses gewachsene Gefüge nicht einfach abreißen und neu zeichnen kann, ohne etwas Wesentliches zu zerstören. Aus der geduldeten, halb legalen Siedlung wurde ein Ort, den die Stadt Burgas offiziell aufnimmt und schützt. Es entstanden ein Kultur- und Tourismuskomplex, kleine Ausstellungshäuser, in denen die Geschichte der Fischerei am Schwarzen Meer erzählt wird, und Räume, in denen Handwerk gezeigt wird, das früher selbstverständlich war und heute schon fast exotisch wirkt. Man sieht alte Netze, Anker, Werkzeuge, lernt, welche Knoten Leben retten konnten und warum bestimmte Bootsformen genau so gebaut wurden und nicht anders. Tradition wird hier nicht in Glasvitrinen eingesperrt, sondern bleibt mit dem Alltag verbunden.
Aus dem zufällig gewachsenen Ensemble wurde mehr Struktur, ohne dass der Ort seine Seele ganz abgegeben hätte. Es gibt angelegte Wege, Stege, Anlegestellen, Plätze, an denen Veranstaltungen stattfinden, Spielbereiche für Kinder und eine Multifunktionshalle für Feste, Märkte oder kulturelle Ereignisse. Neben den improvisierten Hütten stehen renovierte Häuser, und dennoch spürt man an vielen Ecken, dass dies kein geplantes Resort ist, sondern ein Stück organisch gewachsene Realität. Die Patina der Boote, die schiefen Zäune, ein alter Stuhl vor der Tür, Netze, die in der Sonne trocknen, sie verraten mehr über den Ort als jede Hochglanzbroschüre.
Mittendrin liegt das kleine Restaurant, das für viele Besucher zum Herzstück des Erlebnisses wird. Es wirkt unspektakulär, kein Designertraum, keine künstliche Inszenierung, sondern ein ehrlicher, schlichter Raum mit Holz, einfachen Tischen und einem Blick, der den Rest erledigt. Die Speisekarte ist nicht überladen, sondern konzentriert sich auf das, was ein solcher Ort bieten muss. Fisch und Meeresfrüchte nach traditionellen Rezepten, einfache Gerichte, die von der Frische der Produkte leben und nicht von der Show eines Kochs. Wenn auf dem Teller der Geschmack von Meer und Feuer zusammenkommt, dazu ein Glas Wein oder ein Rakia, dann stellt sich eine Ruhe ein, die man in der Stadt vergeblich sucht.
Ende November saß ich dort mit einem guten Freund. Wir hatten gegessen und getrunken, es waren um die zwanzig Grad, die Sonne stand tief, aber warm über der Bucht, das Wasser lag ruhig, und das Dorf wirkte wie in einen milden, goldenen Filter getaucht. Wir saßen im Gastraum des Restaurants und spürten dieses seltene Gefühl, dass nichts fehlt. Kein Spektakel, keine große Attraktion, keine Sensation, nur ein außergewöhnlich romantischer Ort, gutes Essen, ein guter Mensch gegenüber und diesen milden bulgarische Tag. Mehr braucht man nicht, um in Bulgarien glücklich zu sein.
In den Sommermonaten wird Chengene Skele lebhafter. Besucher kommen mit dem Auto oder per Boot, Ausflugsgruppen mischen sich mit Einheimischen, Kinder laufen über die Stege, fotografieren die bemalten Häuser, staunen über Netze und Bojen, trotzdem bleibt die Arbeit im Hintergrund präsent. Boote laufen ein und aus, Netze werden sortiert, irgendwo rattert ein Motor, Fischer besprechen still den nächsten Tag. Diese Gleichzeitigkeit von Tourismus und echter Arbeit macht den besonderen Charakter dieses Ortes aus, es ist kein sauber abgetrennter Themenpark, sondern eine lebendige Kulisse mit echtem Inhalt.
Die Zukunft von Chengene Skele hängt daran, ob es gelingt, diese Balance zu halten. Der Ort ist inzwischen in Tourismuskonzepte und Stadtentwicklung eingebunden, er spielt eine Rolle in Ideen zu nachhaltigem Reisen und regionaler Identität. Man kann hier beispielhaft zeigen, wie Naturraum, Handwerk und Besucherangebote verbunden werden können, ohne alles zu sterilisieren, gleichzeitig ist die Gefahr groß, dass aus der rauen Schönheit eine stromlinienförmige Attraktion wird. Wenn aus Fischern Statisten und aus Hütten dekorierte Kulissen würden, ginge genau das verloren, was Chengene Skele heute so besonders macht.
Noch ist es nicht so, noch spürt man beim Spaziergang durch die Gassen und entlang der Stege, dass dieser Ort von Menschen getragen wird, die hier arbeiten, leben, lieben und fluchen. Man hört den rauen Ton, der ehrlich ist und wenig mit der künstlichen Freundlichkeit vieler touristischer Orte zu tun hat. Man sieht die Spuren der Winterstürme und der Jahre, die an Holz, Farbe und Metall nagen, man riecht die Mischung aus Meer, Fisch, Rauch und irgendwie auch Hoffnung.
Chengene Skele ist deshalb mehr als ein Ausflugsziel nahe Burgas. Es ist ein Stück authentisches Bulgarien am Schwarzen Meer, ein Zufluchtsort für alle, die zwischen Beton, Einkaufszentren und gesichtslosen Stränden vergessen haben, wie sich ein lebendiger Küstenort anfühlen kann. Wer hier sitzt, isst, trinkt und einfach nur schaut, nimmt etwas mit zurück in den Alltag, das sich schwer in Worte fassen lässt, vielleicht ist es genau diese Mischung aus Ruhe, Echtheit und leiser Melancholie, die den Ort so liebenswert macht. Für viele, die Chengene Skele kennenlernen, wird er zu einem jener Plätze, von denen man weiß, dass man wiederkommen wird, nicht wegen eines Programmpunkts, sondern wegen des Gefühls, das bleibt.










