Die Zukunft fährt elektrisch – doch der Preis wird woanders bezahlt
Das Elektroauto wird uns verkauft wie ein rollender Ablassbrief, kein Auspuff, kein Gestank, dafür ein gutes Gewissen im Serienumfang. Wer elektrisch fährt, so die Erzählung, ist auf der richtigen Seite der Geschichte, rettet das Klima und darf sich moralisch ein Stück über den Rest erheben. Der Verbrenner dagegen ist offiziell zur Dreckschleuder erklärt worden, Relikt einer finsteren Epoche, das aus den Städten und dann aus den Köpfen verschwinden soll. Diese Geschichte klingt klar, einfach und sauber, nur stimmt sie so nicht.
Fangen wir mit dem an, was in der Debatte fast immer unterschlagen wird. Der moderne Verbrenner von heute ist nicht der Rußklumpen von gestern. Ein aktueller Benziner oder Diesel mit Euro-6d-Norm, Partikelfilter, SCR-Kat und ausgefeilter Einspritzung bläst lokal deutlich weniger Schadstoffe in die Luft, als viele sich vorstellen. Stickoxide, Feinstaub, Kohlenmonoxid, unverbrannte Kohlenwasserstoffe, all das ist im Vergleich zu einem zwanzig oder dreißig Jahre alten Auto drastisch reduziert. Wer also mit einem gepflegten, modernen Verbrenner unterwegs ist, verpestet nicht automatisch jeden Straßenzug, man kann diesen Motoren einiges vorwerfen, aber nicht, dass sie technisch auf dem Stand eines Golf II wären.
Das große Problem des Verbrenners ist ein anderes, nämlich CO₂, die Chemie ist gnadenlos. Verbrennst du fossilen Kraftstoff, erzeugst du aus jedem Kohlenstoffatom am Ende CO₂, egal wie sauber der Kat arbeitet und wie clever die Motorsteuerung rechnet. Für die Klimabilanz macht es keinen Unterschied, ob der Motor dabei leise schnurrt oder laut brüllt. Genau auf dieses CO₂ starren Politik und Umweltverbände wie das Kaninchen auf die Schlange. Ein Verbrenner mit fossilem Sprit kann noch so lokal sauber sein, er bleibt in der Bilanz ein Gerät, das frisches Öl in zusätzliches CO₂ verwandelt, das vorher im Boden war. In dieser Logik kann man ihn gar nicht retten, nur eindämmen.
Jetzt kommt das Elektroauto ins Spiel, als große Absolution, es stößt während der Fahrt kein CO₂ aus, kein NOx, keinen Ruß. Was aus dem Auspuff kommt, ist schlicht nichts, weil es keinen Auspuff mehr gibt, das ist das Bild, das hängen bleibt. Was man dir ungern zeigt, ist das, was passiert, bevor das Auto beim Händler glänzt und später lautlos vom Hof rollt. Denn das Elektroauto ist nicht deshalb „sauberer“, weil es technisch irgendwie moralischer wäre, sondern weil es seine Dreckarbeit zeitlich und räumlich verlagert.
Die Batterie ist der Kern des Problems, ein Akku für ein Elektroauto besteht nicht aus ein bisschen harmloser Chemie und einem grünen Aufkleber, sondern aus Lithium, Nickel, Kobalt, Mangan, Graphit und ein paar weiteren Zutaten, die nicht aus einem fair gehandelten Baukasten stammen. Lithium wird zum Beispiel in trockenen Regionen gewonnen, in denen Wasser ohnehin knapp ist. Die berühmten Salzseen in Südamerika sind keine romantischen Postkartenmotive, sondern Rohstoffreservoirs. Dort wird Wasser in großem Stil aus dem Untergrund gepumpt, Salzsole verdunstet in riesigen Becken, zurück bleiben Lithiumverbindungen und ausgetrocknete Böden, abgesunkene Grundwasserspiegel und zerstörte Ökosysteme. Die Verluste haben nicht wir vor der Haustür, sondern indigene Gemeinschaften, deren Weideflächen und Landwirtschaft langsam verdorren, während in Europa von „nachhaltiger Mobilität“ geschwärmt wird.
Noch zynischer wird es beim Thema Kobalt, ein Großteil des globalen Kobalts kommt aus der Demokratischen Republik Kongo. Dort arbeiten in vielen Minen Kinder und Jugendliche in engen, ungesicherten Stollen, ohne Schutzkleidung, ohne Perspektive. Daneben frisst sich der industrielle Bergbau in die Landschaft, Dörfer werden verdrängt, wer sich wehrt, steht gegen Konzerne, Milizen und korrupte Behörden. Für uns taucht Kobalt im Prospekt als „Hochleistungsbatterie“ auf. Das Elend, das dahinter steht, läuft höchstens als Doku am späten Abend, wenn überhaupt, es passt nicht zur weißen Ladesäule im Grünen.
Nickel ist die nächste Baustelle, um den steigenden Bedarf der Batterieindustrie zu bedienen, werden in Ländern wie Indonesien gigantische Projekte hochgezogen. Regenwald wird gerodet, Böden werden umgepflügt, Abraum landet in Flüssen und Küstengewässern, Korallenriffe sterben ab. Unter Wasser kollabieren Lebensräume, an Land verändern sich ganze Regionen, nur damit die Industriestaaten und China genug Material für die nächste Generation an Akkus haben. Während also in Europa „Zero Emission“ auf dem Auto steht, steigt anderswo der Druck auf Mensch und Natur so hoch, dass ganze Gegenden unbewohnbar werden.
Das ist die ökologische und menschliche Realität hinter der glänzenden E-Mobilität. Elektroautos sind in der Summe klimafreundlicher als Verbrenner, weil der Elektromotor sehr effizient arbeitet und sich der Strommix Schritt für Schritt verbessert. Trotzdem tragen sie einen erheblichen CO₂-Rucksack aus Fertigung und Rohstoffgewinnung mit sich herum. Sie verlagern Emissionen und Umweltschäden im Idealfall in Kraftwerke und Minen, die mit der Zeit sauberer werden sollen, statt sie direkt am Auspuff abzuladen, nur ist der Weg dahin alles andere als romantisch.
Auf der anderen Seite steht der Verbrenner, der inzwischen zur persona non grata erklärt worden ist, was dabei gern verschwiegen wird, ist, dass es Möglichkeiten gäbe, seinen CO₂-Abdruck zu verkleinern. Biokraftstoffe aus Abfällen, synthetische E-Fuels aus erneuerbarem Strom, Wasserstofflösungen, all das existiert technisch, die Probleme heißen Effizienz, Kosten und Verfügbarkeit. Der Umweg von Strom über Wasserstoff oder synthetischen Kraftstoff in den Tank ist energetisch deutlich schlechter als der direkte Weg in die Batterie. E-Fuels sind derzeit teuer und absehbar kein Massenprodukt für Hunderte Millionen Alltagsautos. Politisch ist das bekannt, wird aber selten so klar ausgesprochen, weil es nicht ins gewünschte Schwarz-Weiß-Bild passt.
Stattdessen wird der Verbrenner pauschal zum Feind erklärt, das hat eine bequeme Seite. Wenn man ihm ein Enddatum für Neuzulassungen verpasst, kann man sich mit einem Schlag als konsequent und visionär inszenieren, ohne die wirklich unbequemen Fragen zu stellen, etwa, wie viele Autos wir insgesamt brauchen. Welche Größen und Gewichte vertretbar sind, wie viel Ressourcenverbrauch pro Kopf eine Gesellschaft tragen kann, ohne ihre Rohstoffzüge durch andere Länder zu prügeln. Die politische Debatte spart das aus und reduziert alles auf die Frage, Verbrenner oder Elektro, Gut oder Böse.
Für dich als Fahrer sieht die Realität sehr viel weniger dramatisch aus als die Schlagzeilen. Dein aktueller Verbrenner wird nicht zwangsenteignet, nur weil ein Datum in Brüssel beschlossen wurde. Du kannst ihn weiter fahren, wenn du ihn pflegst, die Technik in Schuss hältst, Steuern und Versicherung zahlst und bereit bist, steigende Spritpreise und mögliche Einfahrtsbeschränkungen in Innenstädten zu akzeptieren. Du musst keinen Neuwagen mit Stecker kaufen, nur damit ein Politiker sagen kann, du seist jetzt Teil der Lösung. Wenn du dir irgendwann ein neues Auto anschaffst, hast du mehr Optionen, als dir die Plakate suggerieren.
Die unangenehme, aber ehrliche Bilanz lautet, es gibt keinen unschuldigen Antrieb. Der Verbrenner verbraucht fossile Energie und bläst CO₂ in die Luft, dafür ist seine Produktion vergleichsweise überschaubar, die Lieferketten sind seit Jahrzehnten eingespielt und die Technik ist ausgereift. Das Elektroauto reduziert die CO₂-Emissionen im Betrieb deutlich, erkauft sich diesen Vorteil aber mit einem massiven Rohstoffhunger, einer problematischen Geopolitik und Umweltschäden, die wir aus unserem Blickfeld auslagern. Beides hat Folgen, nur in unterschiedlichen Regionen und Zeiträumen.
Betrogen werden wir nicht durch eine geheim unterdrückte Wundertechnik, sondern durch die Erzählung, es gäbe eine saubere, schmerzfreie Lösung, bei der wir alles so weiter machen können wie bisher, nur mit anderem Antrieb, die Wahrheit ist härter. Wenn wir unsere Mobilität ernsthaft ökologischer machen wollen, geht es nicht nur um Stecker oder Tank, sondern um weniger Masse, weniger Protz, längere Nutzungsdauer, kleinere Stückzahlen und ehrliche Transparenz über alle Schäden entlang der Kette. Solange diese Debatte durch bunte Werbespots und moralische Schlagworte ersetzt wird, bleibt das Elektroauto ein verkapptes Luxusprodukt mit grünem Anstrich. Und der Verbrenner das bequeme Feindbild, das man braucht, um davon abzulenken, wer im Schatten unserer „sauberen“ Zukunft heute den eigentlichen Preis zahlt.
Als Fazit dieser ganzen großen Mobilitätsrevolution bleibt für mich persönlich nur eine sehr einfache Strategie übrig. Ich werde mein jetziges Auto pflegen wie andere ihren Bonsai oder ihren Instagram Account. Öle, Filter, ein bisschen Rostvorsorge, regelmäßiger TÜV, und gut ist. Solange mein Kopf noch weiß, dass rechts und links nicht dasselbe ist und meine Beine noch Kupplung und Bremse auseinanderhalten, wird dieses Auto gefahren. Nicht, weil es die ökologische Krönung der Schöpfung wäre, sondern weil es völlig egal ist, ob ich mit meinem einen Wagen die Welt rette, während ringsherum Millionen tonnenschwere Blechspielzeuge produziert, verschifft, zerlegt und durch die Gegend gekarrt werden. Wenn alle Produktion und jeder Betrieb von Autos am Ende eine Umweltsünde sind, dann ist es mir ehrlich gesagt auch egal, welche Sorte CO₂ ich in den Himmel schreibe. Sünde ist Sünde, da braucht man sich nicht mit der moralisch korrekteren Abgaswolke schminken.
Vielleicht gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und erfülle mir zum Schluss den maximal unzeitgemäßen Traum. Ein fettes amerikanisches Musclecar, gern mit völlig unvernünftigen Zylindern und einem Durst wie ein russischer Bauarbeiter auf Hochsommerbaustelle. Irgendetwas in Richtung Chevy Camaro, rechtzeitig in Bulgarien angemeldet, bevor die nächste Welle der Weltrettungsbürokratie aufschlägt. Dann sitze ich in diesem absurden Denkmal der fossilen Dekadenz, drehe den Schlüssel oder drücke den Startknopf, lausche dem unnötig lauten Donnergrollen aus dem Auspuff und schaue der Welt dabei zu, wie sie an mir vorbeizieht. Links E-Autos mit ökologischem Heiligenschein, rechts SUVs mit grünem Leasingvertrag und schlechtem Gewissen im Handschuhfach, dazwischen Fahrräder mit Moralaufsatz. Und irgendwo mittendrin ich in meinem gepflegten Altverbrenner oder im hoffnungslos politisch inkorrekten V8, der ehrlich zugibt, was er ist.
Revolutionär wird an dieser Haltung nichts sein, aber immerhin ist sie ehrlich. Kein grünes Märchen, kein geheucheltes CO₂-Sorgengesicht, keine frommen Versprechen, dass mein Konsum ab sofort „klimaneutral“ sei, weil irgendein Zertifikat im Hintergrund gezählt wurde. Ich fahre, solange ich kann und will, ich verursache meinen Anteil am Schaden, genauso wie alle anderen, nur ohne Heiligenschein. Die Welt wird sich davon weder retten noch untergehen, aber ich werde mir wenigstens nicht einreden lassen, ich sei Teil einer großen Lösung, bloß weil ich auf das jeweils aktuelle Heilsversprechen der Autolobby umgestiegen bin. Wenn schon Mobilität als Religion, dann gehe ich lieber als Ketzer von der Bühne. Mit vollem Tank, klaren Augen und einem Motor, der nicht so tut, als wäre er die Wiedergeburt des Planeten im Blechkleid.
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